Japanese Breakfasts neues Album Jubilee ist die Energie, mit der ich aus der Pandemie gehen will

June 21, 2021 musik review kritik rezension japanese breakfast pop Text

Ein seltsames Symptom meines persönlichen Corona-Kollers ist, dass ich plötzlich große Sehnsucht nach Konzerten habe. Seltsam, weil ich schon vor der Pandemie nur noch selten Konzerte besucht habe —— ich habe meine Teenagerjahre & frühen 20er damit verbracht, in Regionalzügen & nur noch im allerweitesten Sinne straßentüchtigen Autos, zusammen mit Menschen, mit denen mich außer räumliche Nähe wenig verband, überall dahin zu fahren, wo in großzügig berechneter Reichweite meines Heimatdorfes irgendjemand in der Lage war, eine Gitarre richtigrum zu halten, &, keine Ahnung, ich glaube, irgendwann hatte ich dann meine Dosis für ein Leben, jedenfalls: Wenn nicht gerade Carly Rae Jepsen nach Berlin kommt, oder alle 10 Jahre zur diesmal wahrscheinlich wirklich letzten Ärzte-Tour, lockt Live-Musik mich mittlerweile selten auch nur aus meinem Stadtteil.

Nun, die letzten, was, 18 Monate haben uns alle verändert, auf Arten, die wir wahrscheinlich zum Teil erst in den kommenden Monaten & Jahren verstehen werden, & sicher ist das hier noch eine der harmloseren, vielleicht gar erfreulichen, entdecke ich hier doch einen Teil von mir wieder, der lange brach lag. & so habe ich unwillkürlich angefangen, neue Musik mit einem Ohr dafür zu hören, wie sie wirken würde, wäre sie die , die man zum ersten Mal wieder gemeinsam mit einer ohne Rücksicht auf Abstandsregeln zusammengedrängter Menschen­menge hört, & gemessen an diesem Kriterium ist Paprika, der Opener von Jubilee, dem dritten Album von Michelle Zauner als Japanese Breakfast, mein Song des Jahres: Zauner singt darin zu einem vom Soundtrack von Satoshi Kons Anime Paprika inspirierten Bläser-Arrangement vom Rausch, die eigenen Songs einem Publikum zu präsentieren. »How’s it feel to stand at the height of your powers?«, fragt sie,

To captivate every heart?
Projecting your visions to strangers
Who feel it, who listen, who linger on every word
Oh, it’s a rush!

In der Ankündigung von Jubilee sagte Zauner, ein drittes Album solle sich »bombastisch« anfühlen, & auf Paprika trifft das zweifelsohne zu: Es ist ein gigantischer Song, größer als alles auf ihren ersten beiden Alben. Nachdem sie auf diesen & in ihrem dieses Jahr erschienenen Memoir Crying in H Mart ihre Trauer über den Tod ihrer Mutter verarbeitet hatte, wolle Zauner mit Jubilee ein Album »über Freude« machen. Paprika ist zweifelsohne ein freudiger, ja triumphierender Song, aber Zauner singt darin auch darüber, wie hart sie sich diese Freude immer wieder erkämpfen muss, über die Einsamkeit von kreativer Arbeit, das Gefühl, nichts mehr zu sagen zu haben: »Alone, it feels like dying«, singt Zauner, &:

I want my offering to woo, to calm, to clear, to solve
But the only offering that comes
It calls, it screams, there’s nothing here

Paprika ist ein Song darüber, über die Düsternis zu triumphieren, Momente der Freude & des Glücks zu identifizieren & zu feiern; man muss nicht selbst regelmäßig vor einer Menge aus begeisterten Fans stehen oder in der eigenen Psyche nach neuen Ideen bohren, um sich, gerade nach den letzten 1,5 Jahren, damit identifizieren zu können.

Paprika führt auch treffend ein, was es für Zauner bedeutet, ein Album »über Freude« zu schreiben: Jubilee enthält Songs über das Einschläfern eines geliebten Haustiers, über Depressionen & Milliardäre, die sich lieber in ihren Bunkern verschanzen anstatt ihren Reichtum nutzen, der Welt zu helfen; selbst Be Sweet, ein fröhlicher Love-Song im 80er-inspirierten Dance-Sound, enthält ein paar Zeilen über die unvermeidlichen Verletzungen, die wir den Menschen, die wir lieben zufügen:

So come and get your woman
Pacify her rage
Take the time to undo your lies
Make it up once more with feeling

Zauners Charakterisierung von Jubilee ist dennoch nicht falsch, nur geht ein Album über Freude zu schreiben für Zauner nicht damit einher, die Augen vor den Dingen zu verschließen, die die Freude trüben können; in seinen düstersten Momenten —— wie wenn Zauner in In Hell in klinischer Nüchternheit die Letzten Momente ihres geliebten Hundes beschreibt —— ist Jubilee schwer anzuhören; aber das macht die Momente des Triumphs, der Harmonie, der Unbeschwertheit nur wirksamer —— man hat das Gefühl, sie sich ein Stück weit »erarbeitet« zu haben. Mein anderer Lieblingssong des Albums, Slide Tackle, erzählt davon, wie paralysierend, alles einnehmend eine Depression sein kann, doch die Strophen werden unterbrochen von einem Saxophon-Solo, das sich anfühlt wie die Ruhe im Auge des Orkans; mehrere Rewvier*innen fühlten sich hier an Carly Rae Jepsen in der Emotion-Ära erinnert, eine Referenz, die ich natürlich nur gutheißen kann, aber mehr noch muss ich hier an die Saxophon-Soli klassischer Springsteen-Songs denken, insbesondere Dancing in the Dark: ein weiterer Song über Depressionen, aber auch darüber, wie gut es sich anfühlt, sich endlich aus der Lähmung zu befreien.

Musikalisch ist Jubilee Japanese Breakfasts abwechslungsreichste Album: Neben dem filmmusikinspirierten Bombast von Paprika & dem Dancepop von Be Sweet geht es in Posing in Bondage & Sit ein Stück weit Richtung Industrial; Kokomo, IN ein Song über einen Teenie, der seinen Crush vermisst —— inklusive einer der schönsten Erklärungen jugendlicher Verliebtheit in jüngster Erinnerung ——, lässt zum Glück nur durch den Titel an den schlimmsten Song aller Zeiten denken, für die Kombination aus den naiv-entwaffnenden Lyrics & der täuschend simplen Gesangsmelodie mit einer raffinierten Akkordstruktur & einem vielschichtigen Orchesterarrangement wären die frühen Beach Boys unter Brian Wilson die treffendere Referenz.

Das Album kulminiert in einem Song, Posing for Cars, der mit 6:39 fast 3 Minuten länger ist als der nächstlängste, & der als Indie-Ballade zu beiläufig geschrabbelter Gitarre beginnt & dann in einem Finale endet, das in Sachen Bombast Paprika in nichts nachsteht: Ein langes Gitarrensolo mündet in einer Explosion aus Noise, eine Sorte prahlerisches Muckertum, die man, den oft eher unaufdringlichen Dream-Pop der Vorgänger-Alben im Hinterkopf, vielleicht nicht von Japanese Breakfast erwartet hätte, & die leicht etwas masturbatorisches haben kann. Aber am Ende dieses Albums, das der Düsternis so ins Auge gesehen & ihr Momente der Freude & Schönheit abgerungen hat, wirkt auch dieser Moment des Exzess verdient: ein erneutes Bekräftigen des Mission Statements von Paprika, ein letztes Bekenntnis zur Freude & ein endgültiger Beweis, dass das hier wirklich Michelle Zauner »at the height of her powers« ist. It’s a rush!


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