Annette Frier als Autistin: Warum autistische Menschen die ZDF-Serie »Ella Schön« ablehnen (& warum mich nicht interessiert, was die Produktionsfirma dazu zu sagen hat)

Content-Warnung: Ich spreche im Text Diskriminierungserfahrungen an, die viele autistische Menschen machen müssen, und gehe dabei auch recht lebhaft auf eigene Traumata und die damit verbundenen Folgeschäden ein.


Anmerkung im Interesse der Barrierefreiheit: Ich (ent-)gendere im folgenden Text mit dem Gendersternchen. Wenn Du zu denjenigen gehörst, die Schwierigkeiten mit Gender-Sonderzeichen haben, kannst Du hier eine Version ohne lesen.


Wenn Du den Text lieber hören willst, hier die Audio-Version:


»Authentisch«: Dieses Wort fällt oft in den Kommentaren auf der Facebook-Seite des ZDF zum aktuellen Film aus der Reihe »Ella Schön«. Zuschauer*innen finden es glaubhaft, wie Autor Simon X. Rost die autistische Titelfigur der Reihe anlegt und wie Hauptdarstellerin Annette Frier sie spielt: »Mag auf manche übertrieben wirken«, schreibt ein*e Zuschauer*in, »ist es aber nicht«. Autistische Menschen könne man oft nicht einschätzen und vorhersehen: »Das ist für alle Beteiligten mega anstrengend.« Jemand anderes pflichtet bei: »Nicht einfach mit einer Autistin umzugehen.« Mit Einschaltquoten zwischen drei und fünf Millionen Zuschauer*innen erreicht die Serie ein breites Publikum. Auch bei der Kritik kommt »Ella Schön« gut an: Mit den neuen Episoden unterstreiche die Reihe »ihre Ausnahmestellung im deutschen Unterhaltungsfernsehen«, heißt es etwa bei tittelbach.tv, einem Online-Magazin für die Rezension von Fernsehfilmen. Die Rezension lobt, dass die beiden neuen Episoden »ans Eingemachte« gingen, was die Psychologie der Titelfigur angehe.

Die Produktionsfirma Dreamtool Entertainment hat diese Rezension bei Twitter geteilt. Andere Reaktionen indes sollen die Follower*innen lieber nicht zu sehen bekommen: Dreamtool hat mittlerweile eingeschränkt, wer auf den betreffenden Post antworten darf, eine Reihe von Antworten ausgeblendet und einige User*innen geblockt. Denn die Reaktionen von autistischen Zuschauer*innen gehen in eine andere Richtung: Kritik an der Reihe von autistischen Zuschauer*innen gibt es schon seit der Erstausstrahlung 2018; die aktuelle Folge, »Land Unter«, stößt allerdings auf besondere Ablehnung durch die autistische Community. Ein zentraler Handlungsstrang der Episode betrifft das sogenannte »Stimming«: das Wiederholen von Bewegungen oder Geräuschen zur »Selbst-Stimulation«. Nicht nur autistische Menschen stimmen: Mit dem Bein wippen, auf dem Bleistift oder den Nägeln kauen, eine Melodie summen oder pfeifen — all das und mehr können Arten von Stimming sein. Mittlerweile sind auch sogenannte »Stim-Toys« verbreitet, spielzeugähnliche Gegenstände, die speziell für Stimming entwickelt wurden oder sich dafür eignen: »Fidget-Spinner« sind ein beliebtes Beispiel. Bei autistischen Menschen fällt Stimming oft »größer« aus, ist variantenreicher und hält länger an — ist also auffälliger. Wir verarbeiten Reize anders als nicht-autistische Menschen, oft fällt es uns schwer, Reize zu »filtern«, sodass die Gefahr einer Überstimulation besteht. Stimming hilft uns, uns zu beruhigen und unsere Emotionen und Stress zu regulieren. Für Außenstehende mag es manchmal befremdlich aussehen und, je nach Art, vielleicht ein Bisschen nerven, doch Stimming ist unbedenklich und ein wichtiger Schutzmechanismus für autistische Menschen, vor allem, wenn wir uns, was in der Welt, in der wir leben, unvermeidlich ist, in Umfeldern bewegen müssen, die nicht auf unsere Bedürfnisse ausgerichtet sind. In Therapieformen wie der auf Borderline-Patient*innen ausgerichteten Dialektisch-Behavioralen Therapie werden dem Stimming ähnliche Techniken sogar bewusst vermittelt; sie können helfen, nicht nur mit Stresssituationen umzugehen, sondern dem Entstehen von Stress aktiv vorzubeugen.

»Ella Schön« stellt Stimming dagegen als ein Anzeichen einer psychischen Krise der Hauptfigur dar, sowie als Konsequenz eines Kindheitstraumas. Ella, Gerichtsreferendarin in einem beschaulichen Örtchen an der Ostsee, muss in dieser Folge mit mehreren Veränderungen und Krisen zurechtkommen: Ihr Freund nimmt einen Auftrag auf einer griechischen Insel an, sodass die beiden einige Monate getrennt sein werden; in das gemeinsame Haus mit ihrer Mitbewohnerin und Freundin zieht deren neuer (alter) Freund ein; und sie sieht sich selbst mit einer Anzeige konfrontiert, nachdem sie angeblich betrunken den örtlichen Strandkorb-Vermieter angegriffen haben soll. Wann immer die Emotionen ihr zuviel werden, reagiert Ella, indem sie anfängt, zu stottern — und mit Stimming: Sie spielt mit einer Hand ein imaginäres Klavier, manchmal sagt sie dazu leise die gespielten Noten auf. Das wird allerdings nicht als eine gesunde und bewusst angewandte Technik charakterisiert, sondern explizit als »zwanghaft« und als »Tic« bezeichnet: Ellas Hand scheint sich selbstständig zu machen, sie kann sie kaum kontrollieren, versucht etwa, sie mit der anderen Hand festzuhalten. Später führt sie ihr Stimming selbst auf ein Kindheitstrauma zurück. Eine andere Figur beobachtet: »Gesund kann das nicht sein«. Tatsächlich entscheidet Ella am Ende der Episode, einige Zeit in einer psychiatrischen Klinik zu verbringen, auch, um ihre Stimming-»Anfälle« in den Griff zu bekommen. Gleichzeitig benutzt sie explizit die Fachvokabel »Stimming« in Bezug auf ihr Verhalten. Eine harmlose Technik zur Selbstregulierung wird so pathologisiert. Echtes Stimming ist weder ein Tic, noch ein Zwang, noch eine Traumareaktion. Es ist auch kein Anzeichen dafür, dass ein autistischer Mensch in einer akuten Krise ist.

Autistische Zuschauer*innen sehen die Gefahr, dass die Episode ein falsches Bild von Autismus und damit assoziiertem Verhalten vermittelt, und dass »Ella Schön« so dazu beitragen könnte, dass das ohnehin existierende gesellschaftliche Stigma gegen Autismus und autistisches Verhalten verfestigt wird. Angesichts der fast durchweg positiven Kommentare von neurotypischen1 Zuschauer*innen, der Wahrnehmung von Ella als »authentisch«, scheint diese Sorge durchaus begründet.

Auf Twitter suchen autistische Menschen die Kommunikation mit der Produktionsfirma. Nur einige wenige erhielten Antworten: So gebe es, erklärt Dreamtool auf Nachfrage, »von der allerersten Entwicklung an« eine Beratung durch den autistischen Experten Dr. Peter Schmidt sowie regelmäßigen Austausch mit »Betroffenen«. Das widerspricht zum Einen Medienberichten, dass Schmidt die ersten Episoden erst nach Ausstrahlung und zunächst als gewöhnlicher Zuschauer gesehen habe; man muss sich angesichts dessen auch fragen, ob es gerade seine in sozialen Medien geteilte positive Reaktion auf die ersten Episoden war, die ausgerechnet ihn, in den Augen der Produktionsfirma, als »Experten« qualifiziert hat.2

Zum Anderen stellt sich aber auch die Frage, ob die Forderung nach besserer Beratung und Recherche, nach mehr Dialog der Produktionsfirma mit der autistischen Community, wie sie beispielsweise der bekannte autistische Aktivist und Speaker Aleksander Knauerhase stellt, überhaupt weit genug geht. Grobe faktische Fehler wie die falsche Darstellung von Stimming mögen sich so korrigieren lassen; die Probleme von »Ella Schön« liegen allerdings noch tiefer: Es scheint, als fehle es den beiden Stammautor*innen, Rost und Elke Rössler, schlicht an Vorstellungskraft, das Leben und die Perspektive einer autistischen Frau in ihren 40ern einigermaßen nachvollziehen zu können.

Ella ist eine Art von Autist*in, die es so in der Realität fast nie gibt —und das nicht nur, weil natürlich Aspekte eines so komplexen Themas im Rahmen einer Unterhaltungsreihe verkürzt oder übertrieben dargestellt werden: Sie scheint es bis ins mittlere Alter geschafft zu haben, ohne jemals »Masking« lernen zu müssen. So bezeichnen autistische Menschen und Forscher*innen das bewusste Imitieren neurotypischen Verhaltens, um nicht aufzufallen oder »anzuecken«. Fast alle autistischen Menschen verinnerlichen früh, dass unser natürliches autistisches Verhalten »bestraft« wird, und lernen daher, soweit das geht, neurotypisches Verhalten zu »performen«. Das ist oft, nun, mega-anstrengend: Wir müssen so vieles, was neurotypische Menschen »automatisch«, unbewusst tun, bewusst und konzentriert ausführen. Bei vielen von uns führt das früher oder später zu »Burnout«-Phasen, nicht unähnlich dem bekannten Burnout aufgrund von Überarbeitung. Zu spüren, dass das eigene Verhalten »falsch« oder unerwünscht ist, und trotz aller Anstrengung immer wieder daran zu scheitern, überzeugend neurotypisch zu performen, ist wirklich traumatisch, und wohl eine der Ursachen für die hohe Zahl an Suizidversuchen unter autistischen Menschen. Stimming gehört dabei übrigens zu den Verhaltensweisen, mit denen autistische Menschen besonders häufig »negativ auffallen«, und oft versuchen Eltern und zweifelhafte »Therapeut*innen«, es uns schon im Kindesalter abzugewöhnen.

Ella scheint von all dem verschont geblieben zu sein — was einigermaßen unwahrscheinlich ist, auch angesichts dem Stand der Forschung, nachdem autistische Frauen unter besonderem Druck stehen, zu »maskieren«. Sie scheint bis ins mittlere Alter keine Konventionen, Umgangsformen und Regeln neurotypischen Soziallebens gelernt zu haben: Sie verzichtet, mangels Fähigkeit oder Interesse, auf Smalltalk und Höflichkeiten, sagt frei heraus, was sie denkt, und ist dann überrascht über die Konsequenzen, versteht keine Metaphern oder Redewendungen. All diese Stereotype über uns, so verzerrt sie in Medien und Fiktion oft dargestellt werden, haben ja durchaus einen wahren Kern: Die ungeschriebenen Regeln zwischenmenschlicher Kommunikation zu lernen, ist für viele von uns tatsächlich schwieriger, wir brauchen oft explizite Erklärung, und tendieren dazu, den Sinn dieser Regeln zu hinterfragen. Aber das heißt nicht, dass wir nicht fähig wären, solche Regeln zu verstehen und zu befolgen, und die meisten von uns lernen früh durch »Bestrafung«, dass wir das auch müssen, wenn wir am sozialen Leben teilhaben wollen. Natürlich sind autistische Menschen untereinander so unterschiedlich wie neurotypische; aber dass eine autistische Frau es bis in Ellas Alter schafft, ohne zumindest passabel neurotypisches Verhalten imitieren zu lernen, ohne zu verinnerlichen, dass sie nie ganz sie selbst sein darf, will sie nicht anecken, ist nahezu unmöglich.

Und ohne diesen Aspekt zu thematisieren, der das Leben fast aller autistischen Menschen entscheidend prägt, bleibt, was die Serie liefern kann, eben das, woher die beiden offenkundig neurotypischen Autor*innen ja auch kommen: die Außenperspektive. Das erzählerische Muster einer Episode von »Ella Schön« geht in etwa so: Ella wird mit irgendeiner Art von emotionaler Krise konfrontiert; sie reagiert darauf, in den Augen der anderen Figuren und, da die Serie weitestgehend deren Perspektive übernimmt, denen des Publikums, »irgendwie komisch«, und eckt so bei denen, die ihr nahestehen, an; am Ende lernen beide Seiten, einander ein Bisschen besser zu verstehen, ein Bisschen besser aufeinander zu achten. Was dabei fehlt, sind die vielen kleinen und größeren Zugeständnisse, die autistische Menschen ihrem neurotypischen Umfeld Tag für Tag machen müssen, die vielen Arten, auf die wir, entgegen dem, was uns natürlich erscheint und unter großer Kraftanstrengung, versuchen müssen, uns an dieses neurotypische Umfeld anzupassen; und das Gefühl, dass selbst das nie genug ist — die ständige, belastende Gewissheit, dass man am Ende meist nicht nach den vielen Momenten mehr oder weniger erfolgreichen »Maskings« beurteilt wird, sondern nach den wenigen, in denen es weniger gut gelang.

Jede Folge von »Ella Schön« endet mit einem Kompromiss: ein Schritt für Ella, einer für die anderen. Aber eine Serie, die wirkliche Empathie für autistische Menschen hätte, die wirklich versuchen würde, (auch) aus unserer Perspektive zu erzählen, würde anerkennen, dass wir unser Leben lang, Tag für Tag viele solcher Schritte gehen müssen, während neurotypische Menschen ihrerseits selten einen in unsere Richtung gehen. Kein Wunder, dass so bei vielen Zuschauer*innen vor allem ankommt, wie schwierig es ist, mit autistischen Menschen umzugehen — nicht, wie schwierig es für uns ist, in einer neurotypischen Welt zu leben.

Selbst, wenn die Autor*innen versuchen, Sympathie des Publikums für Ella zu schaffen, reproduzieren sie dabei, wenn auch (vermutlich) unabsichtlich, oft problematische Narrative. In der ersten Episode, »Die Inselbegabung«3 von 2018, reist Ella in den kleinen Ort auf Fischland, eigentlich nur, um das Haus ihres verstorbenen Mannes Thomas zu verkaufen. Dort lebt allerdings Christina, Thomas’ Affäre, mit den gemeinsamen Kindern, und weigert sich, das Haus zu räumen, was Ellas Aufenthalt verlängert. Zunächst eckt Ella bei den Bewohner*innen an — bis sie Christina bei einer Schicht im örtlichen Café vertreten muss. Gut, zunächst hat auch das desaströse Ergebnisse, Ella ist überfordert mit dem Tempo, verärgert die Gäste, weil sie deren in Dialekt vorgetragene Bestellungen nicht versteht. Der Wendepunkt kommt, als Ella ein Gespräch einiger Gäste mithört: Ein älterer Herr beschwert sich, dass das Finanzamt von ihm verlangt, seine Steuererklärung zukünftig elektronisch abzugeben. Ella kann helfen, indem sie einen juristischen Paragraphen abspult, in dem die Ausnahmen für die Pflicht zur elektronischen Abgabe geregelt sind.

Das mag erstmal wie ein harmloser erzählerischer Kniff klingen — Ella scheitert an einer Aufgabe, bekommt aber dabei durch Zufall die Chance, zu beweisen, wo ihre eigentlichen Talente liegen. Es ist wahrscheinlich nicht die Art Szene, über die man sich mit einem externen Berater verständigt. Es werden keine expliziten Behauptungen über Autismus und autistische Menschen aufgestellt, keine Fachvokabeln benutzt, es ist einfach ein Plot-Beat, ein Teil der erzählerischen Formel von Wohlfühlfilmen wie der »Herzkino«-Reihe, in deren Rahmen »Ella Schön« läuft. Was hier gefragt ist, scheint es, ist weniger Expertenwissen als simples erzählerisches Handwerk.

Dennoch empfand ich diese Szene als triggernd. Denn sie spielt in ein Narrativ, das hinter vielen Diskriminierungserfahrungen steckt, die autistische Menschen erleben müssen, und das eine lange, unangenehme Geschichte hat: das Narrativ, dass der Wert autistischer Menschen davon abhänge, wie »nützlich« wir für die neurotypische Gesellschaft sind. Wie sehr dieses Narrativ noch immer die Konversation über Autismus dominiert, sieht man am deutlichsten in der noch immer verwendeten medizinischen Klassifizierung autistischer Menschen als zu unterschiedlichem Grade »funktional« — eine Klassifizierung, die zurückgeht auf den Nazi-Kollaborateur Hans Asperger, der mit sehr ähnlichen Klassifizierungen effektiv entschied, ob autistische Kinder ein Recht haben, zu leben, oder nicht.4

Persönlich habe ich den Gedanken früh verinnerlicht, dass ich nutz- und damit wertlos sei, da mich vordergründig simple Dinge, Aufgaben wie die, an der Ella hier scheitert, oft überfordern, da ich Erklärungen brauche, wo andere intuitiv wissen, wie sie sich zu verhalten haben, und da ich Menschen so oft eher zusätzliche Arbeit verursache als sie ihnen abzunehmen.5 Ich habe ein geradezu zwanghaftes Bedürfnis, Menschen zu beweisen, wie nützlich ich bin, wie »praktisch« es ist, wenn man mich zur Hand hat: In der Schule ließ ich dieselben Typen, die mich in den Pausen verprügelten, in den Klausuren abschreiben, fast dankbar, ihnen helfen zu dürfen, und bis heute fällt es mir schwer, »nein« zu sagen, wenn jemand um meine Hilfe bittet — ich habe ganze Wochenenden daran verloren, flüchtigen Bekanntschaften, die aus anderen Gründen nie auf die Idee kommen würden, sich bei mir zu melden, beim Schreiben von Hausarbeiten oder ähnlichem zu helfen.

Die Autor*innen von Ella Schön haben an nichts davon gedacht, als sie überlegt haben, wie sie Ella die Bewohner Fischlands für sich gewinnen lassen können — nicht an Hans Asperger, nicht an dieses früh verinnerlichte Bedürfnis, es allen Recht zu machen und nützlich zu sein, das ich mit vielen autistischen Menschen teile. Das will ich ihnen gar nicht vorwerfen — warum sollten sie von sich aus an diese Implikationen denken, wenn sie die Erfahrungen nicht teilen? Stattdessen sind sie die Szene wohl von der Frage her angegangen: Wie könnte jemand so schwieriges wie Ella mich für sich gewinnen? Aus dieser Perspektive funktioniert die Szene. Aber aus einer anderen Perspektive, der von Menschen, die selbst Erfahrung damit haben, als so schwierig zu gelten wie Ella, ist sie triggernd und verletzend.

Es ist zweifelhaft, ob eine Serie geschrieben von zwei neurotypischen Autor*innen, jemals selbst diese andere Perspektive einnehmen könnte, ob irgendeine noch so intensive Beratung jemals direkte eigene Erfahrung ersetzen könnte. Mehr noch: Es ist zweifelhaft, ob es überhaupt den Versuch wert ist. Die Mehrheit — laut der Fachstelle Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung etwa 90% — der autistischen Erwachsenen ist arbeitslos; der*die ein oder andere talentierte Autor*in wird sicher darunter sein: Warum sollten, angesichts dessen, neurotypische Autor*innen Geld aus öffentlichen Gebühren mit der Darstellung autistischen Lebens verdienen — egal wie sauber recherchiert? Sollte es nicht eher zur Verantwortung eines öffentlich-rechtlichen Senders gehören, eine Produktionsfirma mindestens zur Beschäftigung eine*r autistischen Co-Autor*in zu verpflichten? Und wenn das verweigert wird: Sollte der Platz, den eine Serie wie »Ella Schön« einnimmt, dann nicht eher geräumt werden, um stattdessen autistischen und anderen behinderten Menschen die Chance zu geben, selbst, wirklich authentisch, ihre Geschichten zu erzählen?


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  1. »Neurotypisch« bezeichnet Menschen, deren neurologische Entwicklung — soweit das möglich ist — der »Norm« entspricht. Der Begriff wird vor allem von Anhängern des Konzepts der »Neurodiversität« verwendet, die neurobiologische Unterschiede als zu akzeptierenden Ausdruck menschlicher Vielfalt betrachten. Der Gegenbegriff ist »neurodivergent« und kann sich je nach Kontext und Sprecher*in auf Menschen mit unterschiedlichsten Abweichungen von dieser »Norm« beziehen, unter anderem autistische Menschen und Menschen mit anderen Entwicklungsstörungen, mit ADHS, mit Legasthenie oder anderen Lernbehinderungen oder mit psychischen Krankheiten.↩︎

  2. Schmidt hat seinen Doktortitel übrigens in Geophysik.↩︎

  3. Witzig.↩︎

  4. Asperger galt lange als sowas wie ein »Otto Schindler für Autismus«, weil er manche autistischen Kinder durch seine Diagnosen vor Menschenexperimenten und Euthanasie »schützte«. Das ganze Ausmaß seiner bereitwilligen Kollaboration mit Nazi-Deutschland legt Edith Sheffer in ihrem lesenswerten Buch »Aspergers Kinder« dar.↩︎

  5. Ich habe das in meinem Essay über Klara & the Sun nur angedeutet — keine Ahnung, warum; anscheinend gibt es Dinge, bei denen selbst ich zögere, sie vor einem größeren Publikum auszubreiten —, aber im Ende von Klaras Geschichte habe ich mich auf eine Weise wiedergefunden, die ich beinahe erschreckend fand: Klara, ein hochentwickelter Roboter, endet auf einem nur »The Yard« genannten Gelände — als »irgendwo zwischen Museum für ausrangierte Technik und Schrottplatz« habe ich es in meinem Text beschrieben; sie hat ihre Aufgabe, eine »künstliche Freundin« für Teenagerin Josie zu sein, erfüllt, und hat nun, als Josie aufs College geht, keine Funktion mehr. Ich lebe mit einer andauernden, je nach Beziehung mehr oder weniger ausgeprägten Angst, dass Menschen mich, sobald ich ihnen nicht mehr nützlich bin, verlassen werden, und nachdem ich mich den ganzen Roman über so mit Klara identifiziert hatte, fühlte sich dieses Ende an wie ein allegorischer Blick in meine eigene Zukunft. Auch in Klaras Reaktion — sie akzeptiert ihr Schicksal ohne jede Beschwerde — fand ich mich wieder: Wenn man früh genug verinnerlicht, dass man nur solange etwas wert ist, wie man »nützlich« und regelmäßig genug Erfahrungen macht, die das bestätigen, fühlen sich irgendwann selbst grobe Ungerechtigkeiten nur noch folgerichtig, alternativlos an — man hat es ja nicht anders verdient.↩︎

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October 26, 2021 tv zdf serie autismus neurodivergenz neurodiversität ella schön annette frier audio podcast text

The Magic Circle S1E4 — Oops! All horse: Horse, »Horse« or Marijuana?, H-O-R-S-E

Willkommen zu einer vollständig pferdebasierten Ausgabe von The Magic Circle! Diesmal versuchen wir zwischen berühmten Pferden und Marijuana-Sorten zu unterscheiden und spielen die Podcast-Version von Tony Hawks »H-O-R-S-E Mode«.

Viel Spaß!

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October 24, 2021 podcast the magic circle magicircle trivia games gaming comedy horse audio

The Magic Circle S1E3 — Basic Oma: Früher oder später?, Ist das ein Bild? & mehr!

Willkommen zu einer Trivia-lastigen Folge von The Magic Circle! Diesmal ist sowohl das historische Wissen der Teilnehmer*innen gefragt als auch intensive Kenntnis des Air-Bud-Franchise. Und wir spielen eine weitere Runde unseres Bluff-Spiels basierend auf dem WTF-Stockphoto-Subreddit — the game that is sweeping the nation[citation needed].

Anmerkung: Die Audio-Qualität ist diesmal ziemlich durchwachsen, aus verschiedenen Gründen. Wir arbeiten noch an der idealen Aufnahmelösung, ich hoffe, ihr seht es uns nach.

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Viel Spaß!

P.S: Die Bilder zum letzten Spiel sind wieder als Kapitelbilder eingestellt, aber da damit nicht jeder Podcatcher klarkommt, findet ihr sie auch hier, hier und hier.

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October 10, 2021 podcast the magic circle magicircle trivia games gaming comedy audio

Shida Bazyars Drei Kameradinnen, Dilek Güngörs Vater und ich, & die Nutzlosigkeit der Kategorie »identitäts­politische Literatur«

Die Cover von Shida Bazyars Drei Kameradinnen und Dilek Güngörs Vater und ich nebeneinander, darüber ein Screenshot eines Tweets von @afraidofwasps mit dem Text: »Guy who has only seen The Boss Baby, watching his second movie: Getting a lot of ‘Boss Baby’ vibes from this…« Vor ein paar Wochen schrieb Andreas Platthaus, Verantwortlicher Redakteur für Literatur bei faz.net, die Zusammensetzung der Longlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis zum Teil einer Art inoffizieller Quote zu: Es werde mittlerweile »streng beobachtet, ob auch genug identitätspolitische Literatur ihren Weg auf die Listen gefunden hat«. »Mindestens vier Bücher« auf der Liste würden diesen Ansprüchen gerecht: »die Romane von Shida Bazyar, Dilek Güngör, Sasha Marianna Salzmann und Mithu Sanyal«. »In absehbarer Zeit«, befürchtet Platthaus, »wird über solche Quantitätserwägungen die Qualität als vorrangiges Kriterium verdrängt«.

Ich habe jetzt zwei der genannten vier Bücher gelesen: Shida Bazyars Drei Kameradinnen und Dilek Güngörs Vater und ich. Und bevor wir überhaupt über »Qualität« reden, frage ich erstmal ganz naiv aus der Perspektive eines literaturinteressierten Laien: Welchen Nutzen hat eine literaturwissenschaftliche oder -kritische Kategorie, wenn sie breit genug ist, diese beiden Bücher zu fassen? Gut, ich will mich hier nicht zu naiv stellen: Ich weiß natürlich, welche Gemeinsamkeiten Platthaus hier sieht, nämlich dass beide Autorinnen migrantische Wurzeln haben und das ein Stück weit in ihren Texten thematisieren. Aber Vater und ich zu lesen, und darauf offenbar zu reagieren mit dem Gedanken, »Das erinnert mich an Drei Kameradinnen« (oder umgekehrt), hat schon eine gewisse »Guy who has only seen The Boss Baby, watching his second movie: Getting a lot of Boss Baby’ vibes from this…«-Energie. Keine Ahnung, vielleicht wird alles klarer, wenn man auch die anderen beiden genannten Bücher liest; aber irgendwie bezweifle ich es. Und irgendwie hatten sich mir beim Durchgehen der Longlist eher andere Kategorien aufgedrängt: Autofiktionale Texte über das Verhältnis des*der Erzähler*in zu einer Elternfigur etwa waren überdurchschnittlich häufig vertreten — Monika Helfers Vati, Christian Krachts Eurotrash, und, ja, Dilek Güngörs Vater und ich. Für die Einordnung von letzterem in diese Reihe müsste man halt erstmal der Versuchung widerstehen, alle Bücher, deren Autor*innen und/oder Erzähler*innen nicht weiß sind oder anderweitig von der Mehrheitsgesellschaft abweichen, basierend auf diesem doch reichlich oberflächlichen Kriterium abzugrenzen. Aber basierend darauf, dass Vater-Tochter-Beziehungen in der Fiktion vergleichsweise selten sind (im Vergleich zu Vater-Sohn- und Mutter-Sohn-Beziehungen), finde ich gerade das gemeinsame Erscheinen von Helfers und Güngörs Romanen auf der Liste einigermaßen bemerkenswert.1

Drei Kameradinnen jedenfalls ist ein Buch, das man durchaus als »identitätspolitisch« bezeichnen kann, wenn man denn unbedingt will — dann aber ist es ein überzeugendes Argument dafür, dass diese Einordnung die mittlerweile eher abschätzige Konnotation, die sie hat, nicht verdient, dass der Kontrast, den auch Platthaus impliziert, von ausschließlich identitätspolitisch interessanter Literatur auf der einen und auch formal ambitionierter auf der anderen, ein konstruierter ist. Bazyar thematisiert offensiv, direkt und unverschlüsselt Mikroaggressionen, Othering und andere Diskriminierungserfahrungen, sie erzählt eine Geschichte darüber, wie, ja, die Identität der Hauptfiguren politisiert wird — nicht, oder nicht ursprünglich jedoch, von ihnen selbst, sondern von denen, die sie ihr Anderssein nie vergessen lassen; sie zeichnet, wie Maryam Aras bei 54 Books schreibt, »das Bild einer Gesellschaft, die als Ganzes zur geistigen Brandstifterin geworden ist«. Drei Kameradinnen ist aber auch eines der formal interessantesten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe; es hat eine faszinierende, unzuverlässige, sich selbst ständig hinterfragende Erzählerin, und es spielt virtuos mit verschiedenen Genres: Thrillerelemente, Autofiktion, essayistische Passagen und sogar eine, eine längere Sequenz, in der die Erzählerin sich einen Auftritt in Bärbel Schäfers 90er-Jahre-Talkshow vorstellt, die man sich gut auch als eine Art Standup-Monolog, als gesprochenes Stück auf der Bühne jedenfalls vorstellen könnte. Drei Kameradinnen ist das aufregendste Stück deutschsprachige Literatur, das ich dieses Jahr gelesen habe, und wer hier gleich reflexhaft die »Identitätspolitik«-Schublade aufmacht, liegt jetzt technisch gesehen nicht falsch, aber gerecht wird er Bazyars Roman damit allein nicht.

Nun also Vater und ich. Güngörs Roman erzählt eine simple Geschichte: Ipek, Journalistin in Berlin, verbringt ein paar Tage in ihrem Heimatdorf, allein mit ihrem Vater; die beiden hatten eine enge Beziehung, als Ipek ein Kind war, doch seit der Pubertät fiel es den beiden zunehmend schwer, zu kommunizieren; Ipeks Ziel für diesen Besuch ist es, das Schweigen zu brechen.

Es ist nicht so, als würden ihre Wurzeln als Aspekt der »Identität« von Ipek und ihrem Vater keine Rolle spielen: Immer wieder versucht sie, sich sein Leben in der Türkei vorzustellen, und sie erinnert sich an eine Phase, in der sie sich für die Herkunft ihrer Eltern schämte. Aber es ist einigermaßen befremdlich, das Buch basierend darauf in eine Kategorie einzuordnen, die für Platthaus im Kontrast zu »klassischer« Literatur steht, womit er Romane meint, »die ihre Mission vor allem im Erzählen selbst finden«. Denn was ist es, was Güngör hier macht, wenn nicht gutes, klassisches erzählerisches Handwerk? Sie macht ihre Hauptfiguren mit spezifischen biographischen Details zu plastischen, menschlichen Figuren (anstatt zu bloßen Typen), und findet dann das Universelle, das unter dem Spezifischen liegt. Das jedenfalls ist der Effekt, den Vater und ich auf mich hatte: Teile der Biographie der Hauptfiguren waren mir fremd, und dennoch erkannte ich mich in so vielem wieder — nicht in den spezifischen, oberflächlichen »Fakten«, sondern in den Emotionen, die Güngörs Erzählung in mir auslöste, den Reflexionen und Beobachtungen ihrer Hauptfigur. Güngör lässt Ipek in simpler Sprache erzählen: kurze, schmucklose Sätze, eher bildarm, direkt und schnörkellos. Das mag formal erstmal etwas unspektakulär wirken, aber das täuscht: Der Eindruck ist der einer Erzählerin, die um Worte ringt, die vor der unmöglichen Aufgabe steht, eine Sprache zu finden für das Schweigen, für die Abwesenheit von Sprache, und die sich besinnt auf das Wesentliche, das, was sie weiß und benennen kann. Was zunächst unscheinbar, vielleicht auch etwas langweilig wirkt, hat mit der Zeit einen durchaus beeindruckenden Effekt: Man hat das Gefühl, Zeuge einer mittelschweren Tragödie geworden zu sein, am Ende dieses kurzen Buches, in dem im Grunde überhaupt nichts passiert.

Vater und ich ist so eben gerade kein Buch, das »nur« interessant ist aufgrund der »Identität« seiner Hauptfigur; sondern eines, das die Sorte universeller Themen und Gefühle anspricht und effektiv dramatisiert, die identitäre Kategorien transzendieren. Es ist ein Buch, das verbindet, das von Dingen erzählt, die uns verbinden, über oberflächliche Kategorien hinaus.

Ich will mich nicht zu sehr an Platthaus und seinem Text aufhängen, aber er steht ja exemplarisch für ein mittlerweile verbreitetes »Subgenre« von Literaturkritik. Und nachdem ich zwei Bücher auf seiner Liste »identitätspolitischer« Literatur gelesen habe, bleibt der Eindruck, dass diese Einordnung nicht nur oft den Werken selbst und ihren Autor*innen Unrecht tut, sondern auch dem*der (potenziellen) Leser*in. Wenn ich seinen Text lese und mir so einen Überblick über die Titel auf der Longlist zum Buchpreis verschaffen will, ist alles, was ich über Drei Kameradinnen, Vater und ich und die anderen beiden genannten Bücher erfahre: Sie sind ausschließlich interessant aus »identitätspolitischer« Perspektive, nicht als »klassische« Literatur; sie können als Geschichten nicht für sich stehen; und wenn meine »Identität« sich nicht mit der der Autor*innen und/oder Figuren überschneidet, denke ich vielleicht: nichts für mich. Und verpasse so eventuell Bücher, die viel unterschiedlicher, einzigartiger sind als ihr Zusammenstehen in dieser Kategorie suggeriert, und die noch viel mehr zu bieten haben — erzählerisch, formal — als »nur« eine marginalisierte Perspektive abzubilden.2

Die Identität der Autor*innen hat schon immer Einfluss auf ihr Werk, und das ist immer politisch — nicht weniger, wenn Jonathan Franzen über weiße amerikanische Mittelklässler schreibt als wenn migrantische Autor*innen über ihre Wurzeln schreiben. Und auch die Auswahl für Literaturpreise hat schon immer eine politische Dimension: Wenn der Nobelpreis Jahre in Folge an meist weiße, meist männliche Europäer vergeben wird, sagt das natürlich etwas aus darüber, wessen Geschichten in den Augen des Komitees erzählenswert und auszeichungswürdig sind. Ob das bewusst passiert, und ob die betreffenden Autor*innen für sich tatsächlich eine Auszeichnung verdienen, ist für die gesendete politische Botschaft im Grunde unerheblich. Vielleicht ist es sogar so, dass »identitätspolitische« Überlegungen bei der Zusammenstellung der Longlist für den Buchpreis eine Rolle gespielt haben; aber wenn, dann ist das keine Absage an das Kriterium der »literarischen Qualität«, sondern lediglich ein Anerkennen, ein Bewusstmachen dieser schon immer mitschwingenden politischen Dimension. Es ist ein Eingeständnis, dass unser Begriff von »literarischer Qualität« schon immer geprägt war von den Narrativen, die Menschen mit bestimmten identitären Merkmalen mehr Raum, ihren Geschichten mehr Gewicht zugestanden als anderen, und ein Versuch, durch bewusstes Anwenden identitätspolitischer Kategorien diese Narrative zu hinterfragen. Man kann sich als Kritiker*in natürlich damit zufrieden geben, die vermeintlichen identitätspolitischen Überlegungen, die in die Zusammenstellung einflossen, wiederzugeben und Titel darauf basierend einigermaßen oberflächlich zu kategorisieren; aber interessanter, und nützlicher für den*die Leser*in, wäre doch, zu fragen, ob nicht gerade diese Überlegungen dazu führen, dass »literarische Qualität« da gefunden wird, wo wir bisher gar nicht erst nachgesehen haben.


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  1. Platthaus findet es »reizvoll«, dass Krachts »Mutter-Buch« auf der Shortlist gegen Helfers »Vater-Buch« antritt. Güngörs Roman hat es leider nicht auf die Shortlist geschafft — ich weiß nicht, ob Platthaus das ähnlich reizvoll gefunden hätte. Der seltsame Gegensatz, den er behauptet zwischen der »identitätspolitischen« und der »klassischen« Literatur, zu der Vater und ich offenbar nicht zählt, lässt mich aber zweifeln.↩︎

  2. …was, damit wir uns verstehen, natürlich auch seinen Wert hat.↩︎

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October 7, 2021 literatur buch identitätspolitik deutscher buchpreis 2021 dilek güngör shida bazyar faz review kritik rezension essay text