WandaVision: Wandas »falsche« Sitcom-Welt ist echter als alles andere im MCU & ich wünschte, die Serie würde sie ernst nehmen

February 28, 2021 review kritik tv serie disney marvel Text

Es ist ein immer wieder aufs Neue frustrierendes Erlebnis, & es dominiert mehr & mehr meinen Serienkonsum: Ich lasse mich von einer interessanten Prämisse ködern & stelle dann fest, dass die Autor*innen der Serie & ich eine fundamentale Meinungsverschiedenheit haben, was an ihrer Prämisse genau so interessant ist. Denkt, zum Beispiel, an HBOs Westworld. In der Ausgangs­situation der Show war der titelgebende futuristische Erlebnispark bevölkert von sogenannten »Hosts«, Androiden, die fast menschlich waren, aber nicht ganz: Sie waren, zumindest teilweise, aus Fleisch & Blut, sie fühlten Schmerzen, aber ihre Erinnerungen wurden am Ende jedes Tages gelöscht; sie verhielten sich gemäß ihrer Programmierung durch die menschlichen Westworld-Angestellten —— sie hatten Wünsche & Träume, aber eben nur die, die von ihren Programmier*innen gestattet wurden; sie verhielten sich glaubhaft menschlich, aber hatten keinen freien Willen. Ich fand diese Grundkonstellation ungemein interessant. Sie suggerierte eine Reihe von interessanten Fragen: Wo fängt »Menschsein« an? Wo schützenswertes Leben? Haben die »Hosts« Rechte, analog zu Menschenrechten, & wenn ja, was sind die Implikationen für unsere Beziehung zu anderen künstlichen Intelligenzen, zu Maschinen, zu Tieren? Aber die Show selbst machte früh deutlich, dass sie sich für diese Fragen nicht interessiert. Stattdessen geht es um einzelne der Hosts, die beginnen, self-awareness zu entwickeln. Das ist nicht an sich schlecht, aber es nimmt der Prämisse einiges an Ambiguität & es beantwortet einige der aufgeworfenen Fragen auf enttäuschend eindeutige Weise. Wenn die Hosts self-­awareness haben, gibt es keinen Zweifel mehr daran, dass sie Schutz & Rechte verdienen, die Menschen eben­bürtig sind; und wenn die noch nicht »aufgewachten« Hosts schützenswert sind, dann weniger, weil ihre Version von Leben selbst schützenswert ist, als weil sie irgendwann auch self-awareness entwickeln könnten.

Anstatt eine fast, aber eben nicht ganz menschliche, uncanny Zwischenstufe zwischen K.I. & Mensch sind die Hosts so eine vage Analogie für unterdrückte Gruppen —— & das ist ja keine unintere­ssante Geschichte, aber warum muss man sie als Allegorie, angehängt an eine elaborierte Sci-Fi-Prämisse erzählen, & warum sollten Jonathan Nolan & Lisa Joy die richtigen Erzähler*innen dafür sein?

Ich hatte Versionen dieses Erlebnisses, in unterschiedlichen Ausprägungen und Schattierungen, mit Run, mit Dead to Me, mit so vielen anderen Serien der letzten Jahre, die auf den ersten Blick wie Serien über Charaktere oder Ideen schienen, aber dann doch nicht viel mehr zu bieten hatten als Plot, als die Frage, wie es wohl weitergeht —— was ja irgendwie unterhaltsam ist, aber wenig Substanz hat. WandaVision zu schauen ist nochmal ein ganzes Stück frustrierender: Nicht nur hat auch diese Serie eine fundamental andere Meinung als ich, was an ihrer Prämisse interessant ist —— die Serie scheint mich auch aktiv dafür zu verurteilen, was ich gerne von ihr sehen würde.

WandaVision war das erste Marvel-Projekt in langer, langer Zeit, auf das ich mich aktiv gefreut habe. Ich weiß noch, als ich Infinity War sah, & der erste Auftritt von Wanda & Vision mich für einen Moment aus meinem semi-interessierten Dämmerzustand riss: Die beiden hatten, seit wir sie das letzte Mal gesehen hatten, ihre Beziehung vertieft, lebten jetzt zusammen; das, dachte ich, ist eine Geschichte, die ich wirklich sehen will, lieber als die, die Infinity War erzählte —— eine Sitcom über einen Androiden & eine Hexe mit PTSD, die irgendwie versuchen, eine romantische Beziehung zu führen.

WandaVision versprach nicht ganz das, aber es war nah dran: Es spielte nicht zwischen Age of Ultron & Infinity War, sondern nach Avengers: Endgame. In der Prämisse war also bereits ein Mystery-Element enthalten —— Wie ist Vision noch am Leben? —— enthalten: Ich schätze, es ist daher mein Fehler, dennoch ein Bisschen Hoffnung gehabt zu haben, dass die Autor*innen die Sitcom-Elemente ihrer Prämisse ernst nehmen würden.

Das tun sie nicht, & das ist, was mich am meisten an der Serie frustriert: Der Humor kommt meist nicht aus wirklich gut geschriebenen Sitcom-Witzen & -Situationen, sondern aus einem augenzwinkernden »Ist es nicht absurd, dass diese Figuren Sitcom ›spielen‹?« Die Grund­annahme der Serie ist: Sind Sitcoms nicht lächer­lich? Sitcoms stehen hier für Wandas Verweigerung, die Realität anzuerkennen —— aber, keine Ahnung, hat das nicht etwas ironisches: Dass ausgerechnet eine Superhelden-Serie sich über die angebliche Künstlichkeit & Realitätsferne eines anderen Genres lustig macht? Ich verstehe nicht so recht, was die Serie von mir als Zuschauer erwartet: Ich soll offenbar darauf hoffen, dass Wanda ihre Sitcom-Welt hinter sich lässt, die Realität des Mystery-Procedurals, zu dem die Serie mehr & mehr wird, anerkennt; aber Wandas künstliche Welt ist soviel interessanter &, ja, echter als es die »Realität« des MCU je war. Ich finde, es hat schon etwas herab­lassendes, wie die Serie mit dem Sitcom-Genre umgeht: Wie albern, diese Geschich­ten über alltägliche Probleme & Zwischenmenschlichkeiten! Join the rest of us in reality, Wanda, wo wir Geschichten über Übermenschen erzählen, die einander ganz feste hauen!

Natürlich war es unvermeidlich, dass die Welt des MCU früher oder später Einzug in Wandas Westview halten würde; aber die Gegen­überstellung von Sitcom = fake und Mystery/Superhelden- Action = echt ist dennoch enttäuschend. Superheldengeschichten waren schon immer dann am besten, wenn sie eine Balance schafften zwischen alltäglichen, geerdeten Problemen & Comic-Action. Spider-Man wäre nur halb so interessant, müsste er zwischen Kämpfen gegen Supervillains nicht auch versuchen, ein normales Teenager leben zu führen, und der Ton, in dem zum Beispiel Sam Raimis Adaptionen —— noch immer der cineastische Höhepunkt des Superhelden-Genres —— diese Seite von Spideys Geschichte erzählen, ist einer Sitcom nicht unähnlich.

Und genau deshalb ist »eine Sitcom über Wanda & Vision, die versuchen, eine normale menschliche Existenz zu führen« auch eine großartige Idee, und gerade, um die Themen der Show zu bearbeiten —— Trauma, Trauer, ihre Verdrängung und Verarbeitung —— ist eine Sitcom das ideale Vehikel: Das Formulaische einer Sitcom, das Immer-Wieder-Zurückfallen auf einen Status Quo, das Weiterentwickeln höchstens in baby steps, bildet den Verlauf einer solchen Verarbeitung viel treffender ab als das konstante Vorwärts-Momentum und das zwanghafte Enden auf Twists und Cliffhangern einer modernen Mystery-Serie.1

Um das Potenzial der Grundidee hinter WandaVision wirklich aus­zuschöpfen, müsste man also ver­suchen, Superhelden-Action & Sitcom-Plots miteinander zu verbinden, anstatt sie als Kontraste gegenüberzustellen. Die interessanteste Version von WandaVision wäre eine, die die kleinen, zwischen­menschlichen Geschichten genauso ernst nimmt wie die übergreifende Mystery —— eine straighte, unironische Sitcom, statt einer Sitcom-»Dekon­struktion« oder was immer WandaVision sein will. Wanda & Vision sind zwei der seltsamsten, entrücktesten Figuren des MCU —— die Idee, dass gerade diese Figuren versuchen, »normal« zu sein, ist faszinierend;2 »Wie führe ich eine Beziehung mit einer mensch gewordenen Kl.?« und »Wie kann ich meiner Verantwortung —— in diesem Fall als eine der Beschützer*innen der Welt, wie wir sie kennen —— gerecht werden, wenn ich gerade eigentlich in tiefer Trauer bin?« sind so viel interessantere und, auf ihre entrückte, überlebensgroße Art, emotional doch irgendwie nachvollziehbare Fragen als »Welcher Deep-Cut-Silver-Age-Villain steckt hinter all dem?« Aber WandaVision sagt uns von der ersten Episode an: Keine Sorge —— das hier ist nicht wirklich, worum’s geht! All das Häuschenspielen, die Geschichten, in denen zur Abwechslung mal nicht das ganze Universum auf dem Spiel steht —— wir wissen, dass das albern ist, und es gibt eine logische Erklärung dafür! Und das ist ja auch okay —— Marvel Studios haben hier schon den richtigen Instinkt, man sieht ja Woche für Woche, an den Reaktionen in den sozialen Medien, an den Artikeln, die Referenzen erklären & Theorien sammeln, dass der Großteil des Publikums eben sehr wohl für die Mystery einschaltet. Und auch diese Version, das sei auch gesagt, ist das interessanteste, was Marvel in langer Zeit gemacht hat. Aber für mich ist WandaVision leider eine weitere Serie, die uninteressanter wird, je mehr sie ihr eigentliches »Game« offen­bart. Und in gewisser Weise steht die Funktion der Sitcom-Elemente sinnbildlich für eine Tendenz in unseren Sehgewohnheiten, die ich deprimierend finde: Wir verlernen es mehr und mehr Seien aus irgendeinem anderen Grund zu gucken als für den Plot, um zu sehen, »was als nächstes passiert«; dass es genauso interessant sein könnte, für die Charaktere einzuschalten, einfach, um Zeit mit interessanten Figuren zu verbringen und mit ihnen mitzufühlen —— das erscheint uns zunehmend geradezu absurd.


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  1. Hierüber hab ich schonmal in Zusammenhang mit Netflix’ Dead to Me geschrieben.↩︎

  2. Die ersten paar Episoden der Serie, die noch weitestgehend in Wandas »falscher« Sitcom-Welt spielten, brachten auch ein Element zurück, bei dem es mich immer verwirrt hat, warum das MCU es so früh (mit dem Ende des ersten Iron-Man) aufgegeben hat: geheime Identitäten. Müsste ich raten, würde ich vermuten, Marvel Studios wollten mit Tony Starks »I am Iron-Man« damals den Nitpickers- und Plot-Hole-Jägern vorgreifen, die es auch noch immer für interessant halten, aufzuzeigen, dass Clark Kent nur Superman mit Brille ist. Aber so ging früh ein essenzielles Element von Superhelden-Geschichten verloren, eines, das immer besonders viel Spielraum für Deutungs-, Identifikations- und Projektionsansätze schaffte. Ich gehöre ja, beispielsweise, zu denen, die den angeblich langweiligen Superman unironisch lieben, und das liegt unter anderem daran, dass ich mich immer mit Supermans Zwang, die Clark-Kent-»Rolle« performen zu müssen, identifiziert habe: Gerade der Fokus auf Körperkontrolle, das Nachdenken-Müssen über jede Bewegung, funktioniert als Allegorie auf autistisches »Masking«.↩︎