The road to Trek: For All Mankind zeigt, was vor der Utopie kommt

March 26, 2021 review kritik tv fernsehen apple tv plus science fiction scifi ronald d moore for all mankind Text

Eine Szene in der vierten Folge der gerade laufenden zweiten Staffel von For All Mankind steht emblematisch für die Serie: Zwei Astronaut*innen, in einer Montage gegenübergestellt, begutachten »ihre« Schiffe —— die Raumschiffe, über die sie, in anstehenden Weltraum-Missionen, das Kommando haben werden. Der eine ist Edward Baldwin (Joel Kinnaman): ein Weltraum —— Veteran, bis vor kurzem »Chief of the Astronaut Bureau« bei der NASA. Er hat sich selbst das Kommando über seine »Comeback«-Mission, nach längerer Weltraum-Abstinenz, zugeteilt: Er ist Kapitän des ersten Flugs der »Pathfinder«, der neuen Generation des Space Shuttle, die die Menschheit eines Tages zum Mars bringen soll.

Auch der anderen angehenden Kommandantin hat Baldwin ihre Mission zugeteilt —— widerwillig. Danielle Poole (Krys Marshall) wird die erste weibliche, Schwarze Kommandantin einer NASA-Mission sein: einer gemeinsamen Mission mit der Sowjetunion —— ein PR-Stunt, der mitten im Kalten Krieg die friedlichen Absichten beider Nationen demonstrieren soll.

Danielle kommandiert kein »Pathfinder«-Shuttle, auch nicht die aktuell genutzte Vorgänger-Generation: Damit die Sowjets keinen Einblick in den technologischen Entwicklungsstand der USA bekommen, fliegt Danielles Team eine alte, eigentlich längst ausrangierte Apollo-Rakete.

Es ist ein Stück wish fulfillment für alle, denen die Erforschung des Weltraums & sozialer Fortschritt am Herzen liegen, & die glauben, dass ersteres letzteres antreiben kann. In der Realität dauerte es bis in die 90er, bis eine Schwarze Frau ins Weltall flog, & eine Schwarze Kommandantin gab es bis heute nicht.

Doch durch die Montage von Danielles Begutachtung ihres Schiffs neben Eds räumt For All Mankind gleichzeitig ein: Selbst in der alternativen Realität der Serie passiert Fortschritt nicht in großen Sprüngen, sondern in mühsamen, kleinen Schritten. Danielles Ernennung zur Kommandantin ist ein persönlicher Triumph & ein Symbol dafür, wie weit »wir«, i.e. die Menschheit in der Welt der Serie, gekommen sind —— ein Wegstein, der später mal in den Geschichtsbüchern erwähnt werden wird; aber auch die Gegenüberstellung mit Ed hat Symbolwert: Was ist Danielles Relegation auf eine PR-Mission mit veralteter Technik, wenn nicht NASAs Art, sie, wie es früher in der Folge heißt, »to the back of the bus« zu verweisen? Sie ist »dabei«, sie hat sich ihren Platz erkämpft —— aber sie ist nicht gleichberechtigt.

Für die Sorte Zuschauer*in, die geweint hat, als das Space-Shuttle-Programm eingestellt wurde, die davon träumt, dass die Nationen der Welt aufwachen & erkennen, dass das nächste Space-Race längst begonnen hat & NASA & Co. sich beeilen müssen, wenn sie den Vorsprung von Elon Musk, Jeff Bezos & anderen größenwahnsinnigen Milliardären noch aufholen wollen, für diese Sorte Zuschauer*in hat For All Mankind eine Menge solcher Momente: Momente, die Gänsehaut & glänzende Augen machen & träumen lassen, was alles hätte sein können. In der alternativen Realität der Serie hat die Sowjetunion es vor den USA auf den Mond geschafft, was dazu führt, dass das Space Race nie wirklich endet —— & die USA, um mit den Sowjets mitzuhalten, gezwungen sind, den technologischen & sozialen Fortschritt auf Höchstgeschwindig­keit zu drehen: Noch unter Richard Nixon —— Nixon! —— beginnt die NASA, Frauen & PoC auszubilden und auf den Mond zu schicken; in den 70ern hat sie eine permanente Basis auf dem Mond, in den 80ern wird daraus eine kleine Forschungskolonie & die NASA beginnt, den Mars ins Auge zu fassen. Es ist wirklich, wie Serien-Schöpfer Ronald D. Moore formuliert, das Space-Programm, »das [uns] versprochen wurde, aber [wir] nie bekamen«.

Aber wenn die Welt von For All Mankind eine Utopie ist, dann eine ambivalente; die Serie ist optimistisch, was technologischer Fortschritt & Entdeckergeist leisten können —— aber nicht blauäugig: Der Kalte Krieg geht auch in der Serienwelt weiter, & mit dem schnelleren Fortschritt schreitet auch die Militarisierung voran —— eine Art »Space Force« gibt es in dieser Realität schon unter Ronald Reagan. Und der soziale Fortschritt passiert hier zwar schneller, aber deshalb nicht ohne Hinder­nisse & Widerstände, & auch hier folgt auf zwei Schritte vorwärts oft genug einer zurück: Die Frauen für die erste Mond-Mission werden zum Teil nach ihrem Aussehen ausgewählt; Danielle muss um ihr erstes Kommando, über diese Mission, die niemand wirklich will, kämpfen; die lesbische Astronautin Ellen Wilson wird zur Nationalheldin & treibt die Akzeptanz weiblicher Astronautinnen, NASA-intern & in der Öffentlichkeit, entscheidend voran, muss aber eine Scheinehe mit einem schwulen NASA-Kollegen eingehen, um dem wachsamen Auge eines FBI-Ermittlers zu entgehen —— flöge ihre »Perversion« auf, würde das schwerer wiegen als jede Heldentat & ihre Karriere beenden.

Es geht der Serie also weniger darum, auf diesen einen, spezifischen point of divergence —— den »Sieg« des Space Race durch die Sowjetunion —— zu deuten & zu sagen: Wäre nur das anders gelaufen, unsere Welt wäre eine bessere. Die Welt der Serie ist gar nicht so anders als unsere: die Systeme nicht weniger starr, nur träge und unter Schmerzen zu Veränderung fähig; die Menschen nicht weniger imperfekt, mal heroisch, selbstlos, solidarisch, mal aber auch kleinlich & egoistisch & ängstlich.

Woran For All Mankind uns erinnert, ist viel elementarer: Die Welt, in der wir leben, ist nicht gegeben, der Lauf der Dinge nicht vorbestimmt; dass die Welt ist, wie sie ist, ist Ergebnis unzähliger kleiner Entscheidungen & Zufälle —— & jede neue Entscheidung, jeder neue Zufall, birgt das Potenzial, uns eine andere Realität zu eröffnen. Diese Realitäten sind nicht zwangsweise besser als unsere: Sie haben ihre eigenen Herausforderungen, ihre eigenen Ungerechtig­keiten, ihren eigenen Bullshit; aber manche von ihnen bieten vielleicht eben auch ihre eigenen Chancen.

Moore, Autorenveteran von Star Trek: Deep Space Nine, hat den Verlauf der Geschichte in For All Mankind mal als »the road to Trek« bezeichnet —— keine Utopie an sich, dafür ist diese Welt noch zu ungerecht, steckt noch zu tief in ihrem eigenen Bullshit; sondern das, was vor einer Utopie wie der in Star Trek, in der die Menschheit ihre internen Differenzen überwunden hat, kommt: Der lange, schmerzhafte Entwicklungsprozess, der nötig ist. Der spezifische Weg, den die Serie geht, ist in der Realität so nicht mehr gangbar, aber das ist nicht der Punkt; der Punkt, argumentiert die Serie, ist, dass der erste Schritt eines solchen Weges immer derselbe ist: Wenn wir wollen, dass die unsere Welt einmal eine andere wird, müssen wir überhaupt wieder lernen, uns andere Welten vorzustellen; diese Aufgabe hat nicht zuletzt das Science-Fiction-Genre selbst in der letzten Dekade versäumt, zu erfüllen.

For All Mankinds Optimismus ist ein vorsichtiger, zögerlicher; gerade deshalb —— weil die Serie sich der Grenzen des Möglichen bewusst ist, sich immer wieder hinterfragt, aber immer wieder zu dem Schluss kommt, dass innerhalb dieser Grenzen Chancen zur Veränderung existieren, weil sie unsere hässlichsten Seiten sieht und anerkennt, aber dennoch unser Potenzial sieht, den Weg in eine radikal andere Zukunft zu finden —— ist sie ein so inspirierender, essenzieller Beitrag zum Sci-Fi-Genre.


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