Shida Bazyars Drei Kameradinnen, Dilek Güngörs Vater und ich, & die Nutzlosigkeit der Kategorie »identitätspolitische Literatur«

October 7, 2021 literatur buch identitätspolitik deutscher buchpreis 2021 dilek güngör shida bazyar faz review kritik rezension essay Text

Die Cover von Shida Bazyars Drei Kameradinnen und Dilek Güngörs Vater und ich nebeneinander, darüber ein Screenshot eines Tweets von @afraidofwasps mit dem Text: »Guy who has only seen The Boss Baby, watching his second movie: Getting a lot of ‘Boss Baby’ vibes from this…« Vor ein paar Wochen schrieb Andreas Platthaus, Verantwortlicher Redakteur für Literatur bei faz.net, die Zusammensetzung der Longlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis zum Teil einer Art inoffizieller Quote zu: Es werde mittlerweile »streng beobachtet, ob auch genug identitätspolitische Literatur ihren Weg auf die Listen gefunden hat«. »Mindestens vier Bücher« auf der Liste würden diesen Ansprüchen gerecht: »die Romane von Shida Bazyar, Dilek Güngör, Sasha Marianna Salzmann und Mithu Sanyal«. »In absehbarer Zeit«, befürchtet Platthaus, »wird über solche Quantitätserwägungen die Qualität als vorrangiges Kriterium verdrängt«.

Ich habe jetzt zwei der genannten vier Bücher gelesen: Shida Bazyars Drei Kameradinnen und Dilek Güngörs Vater und ich. Und bevor wir überhaupt über »Qualität« reden, frage ich erstmal ganz naiv aus der Perspektive eines literaturinteressierten Laien: Welchen Nutzen hat eine literaturwissenschaftliche oder -kritische Kategorie, wenn sie breit genug ist, diese beiden Bücher zu fassen? Gut, ich will mich hier nicht zu naiv stellen: Ich weiß natürlich, welche Gemeinsamkeiten Platthaus hier sieht, nämlich dass beide Autorinnen migrantische Wurzeln haben und das ein Stück weit in ihren Texten thematisieren. Aber Vater und ich zu lesen, und darauf offenbar zu reagieren mit dem Gedanken, »Das erinnert mich an Drei Kameradinnen« (oder umgekehrt), hat schon eine gewisse »Guy who has only seen The Boss Baby, watching his second movie: Getting a lot of Boss Baby’ vibes from this…«-Energie. Keine Ahnung, vielleicht wird alles klarer, wenn man auch die anderen beiden genannten Bücher liest; aber irgendwie bezweifle ich es. Und irgendwie hatten sich mir beim Durchgehen der Longlist eher andere Kategorien aufgedrängt: Autofiktionale Texte über das Verhältnis des*der Erzähler*in zu einer Elternfigur etwa waren überdurchschnittlich häufig vertreten — Monika Helfers Vati, Christian Krachts Eurotrash, und, ja, Dilek Güngörs Vater und ich. Für die Einordnung von letzterem in diese Reihe müsste man halt erstmal der Versuchung widerstehen, alle Bücher, deren Autor*innen und/oder Erzähler*innen nicht weiß sind oder anderweitig von der Mehrheitsgesellschaft abweichen, basierend auf diesem doch reichlich oberflächlichen Kriterium abzugrenzen. Aber basierend darauf, dass Vater-Tochter-Beziehungen in der Fiktion vergleichsweise selten sind (im Vergleich zu Vater-Sohn- und Mutter-Sohn-Beziehungen), finde ich gerade das gemeinsame Erscheinen von Helfers und Güngörs Romanen auf der Liste einigermaßen bemerkenswert.1

Drei Kameradinnen jedenfalls ist ein Buch, das man durchaus als »identitätspolitisch« bezeichnen kann, wenn man denn unbedingt will — dann aber ist es ein überzeugendes Argument dafür, dass diese Einordnung die mittlerweile eher abschätzige Konnotation, die sie hat, nicht verdient, dass der Kontrast, den auch Platthaus impliziert, von ausschließlich identitätspolitisch interessanter Literatur auf der einen und auch formal ambitionierter auf der anderen, ein konstruierter ist. Bazyar thematisiert offensiv, direkt und unverschlüsselt Mikroaggressionen, Othering und andere Diskriminierungserfahrungen, sie erzählt eine Geschichte darüber, wie, ja, die Identität der Hauptfiguren politisiert wird — nicht, oder nicht ursprünglich jedoch, von ihnen selbst, sondern von denen, die sie ihr Anderssein nie vergessen lassen; sie zeichnet, wie Maryam Aras bei 54 Books schreibt, »das Bild einer Gesellschaft, die als Ganzes zur geistigen Brandstifterin geworden ist«. Drei Kameradinnen ist aber auch eines der formal interessantesten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe; es hat eine faszinierende, unzuverlässige, sich selbst ständig hinterfragende Erzählerin, und es spielt virtuos mit verschiedenen Genres: Thrillerelemente, Autofiktion, essayistische Passagen und sogar eine, eine längere Sequenz, in der die Erzählerin sich einen Auftritt in Bärbel Schäfers 90er-Jahre-Talkshow vorstellt, die man sich gut auch als eine Art Standup-Monolog, als gesprochenes Stück auf der Bühne jedenfalls vorstellen könnte. Drei Kameradinnen ist das aufregendste Stück deutschsprachige Literatur, das ich dieses Jahr gelesen habe, und wer hier gleich reflexhaft die »Identitätspolitik«-Schublade aufmacht, liegt jetzt technisch gesehen nicht falsch, aber gerecht wird er Bazyars Roman damit allein nicht.

Nun also Vater und ich. Güngörs Roman erzählt eine simple Geschichte: Ipek, Journalistin in Berlin, verbringt ein paar Tage in ihrem Heimatdorf, allein mit ihrem Vater; die beiden hatten eine enge Beziehung, als Ipek ein Kind war, doch seit der Pubertät fiel es den beiden zunehmend schwer, zu kommunizieren; Ipeks Ziel für diesen Besuch ist es, das Schweigen zu brechen.

Es ist nicht so, als würden ihre Wurzeln als Aspekt der »Identität« von Ipek und ihrem Vater keine Rolle spielen: Immer wieder versucht sie, sich sein Leben in der Türkei vorzustellen, und sie erinnert sich an eine Phase, in der sie sich für die Herkunft ihrer Eltern schämte. Aber es ist einigermaßen befremdlich, das Buch basierend darauf in eine Kategorie einzuordnen, die für Platthaus im Kontrast zu »klassischer« Literatur steht, womit er Romane meint, »die ihre Mission vor allem im Erzählen selbst finden«. Denn was ist es, was Güngör hier macht, wenn nicht gutes, klassisches erzählerisches Handwerk? Sie macht ihre Hauptfiguren mit spezifischen biographischen Details zu plastischen, menschlichen Figuren (anstatt zu bloßen Typen), und findet dann das Universelle, das unter dem Spezifischen liegt. Das jedenfalls ist der Effekt, den Vater und ich auf mich hatte: Teile der Biographie der Hauptfiguren waren mir fremd, und dennoch erkannte ich mich in so vielem wieder — nicht in den spezifischen, oberflächlichen »Fakten«, sondern in den Emotionen, die Güngörs Erzählung in mir auslöste, den Reflexionen und Beobachtungen ihrer Hauptfigur. Güngör lässt Ipek in simpler Sprache erzählen: kurze, schmucklose Sätze, eher bildarm, direkt und schnörkellos. Das mag formal erstmal etwas unspektakulär wirken, aber das täuscht: Der Eindruck ist der einer Erzählerin, die um Worte ringt, die vor der unmöglichen Aufgabe steht, eine Sprache zu finden für das Schweigen, für die Abwesenheit von Sprache, und die sich besinnt auf das Wesentliche, das, was sie weiß und benennen kann. Was zunächst unscheinbar, vielleicht auch etwas langweilig wirkt, hat mit der Zeit einen durchaus beeindruckenden Effekt: Man hat das Gefühl, Zeuge einer mittelschweren Tragödie geworden zu sein, am Ende dieses kurzen Buches, in dem im Grunde überhaupt nichts passiert.

Vater und ich ist so eben gerade kein Buch, das »nur« interessant ist aufgrund der »Identität« seiner Hauptfigur; sondern eines, das die Sorte universeller Themen und Gefühle anspricht und effektiv dramatisiert, die identitäre Kategorien transzendieren. Es ist ein Buch, das verbindet, das von Dingen erzählt, die uns verbinden, über oberflächliche Kategorien hinaus.

Ich will mich nicht zu sehr an Platthaus und seinem Text aufhängen, aber er steht ja exemplarisch für ein mittlerweile verbreitetes »Subgenre« von Literaturkritik. Und nachdem ich zwei Bücher auf seiner Liste »identitätspolitischer« Literatur gelesen habe, bleibt der Eindruck, dass diese Einordnung nicht nur oft den Werken selbst und ihren Autor*innen Unrecht tut, sondern auch dem*der (potenziellen) Leser*in. Wenn ich seinen Text lese und mir so einen Überblick über die Titel auf der Longlist zum Buchpreis verschaffen will, ist alles, was ich über Drei Kameradinnen, Vater und ich und die anderen beiden genannten Bücher erfahre: Sie sind ausschließlich interessant aus »identitätspolitischer« Perspektive, nicht als »klassische« Literatur; sie können als Geschichten nicht für sich stehen; und wenn meine »Identität« sich nicht mit der der Autor*innen und/oder Figuren überschneidet, denke ich vielleicht: nichts für mich. Und verpasse so eventuell Bücher, die viel unterschiedlicher, einzigartiger sind als ihr Zusammenstehen in dieser Kategorie suggeriert, und die noch viel mehr zu bieten haben — erzählerisch, formal — als »nur« eine marginalisierte Perspektive abzubilden.2

Die Identität der Autor*innen hat schon immer Einfluss auf ihr Werk, und das ist immer politisch — nicht weniger, wenn Jonathan Franzen über weiße amerikanische Mittelklässler schreibt als wenn migrantische Autor*innen über ihre Wurzeln schreiben. Und auch die Auswahl für Literaturpreise hat schon immer eine politische Dimension: Wenn der Nobelpreis Jahre in Folge an meist weiße, meist männliche Europäer vergeben wird, sagt das natürlich etwas aus darüber, wessen Geschichten in den Augen des Komitees erzählenswert und auszeichungswürdig sind. Ob das bewusst passiert, und ob die betreffenden Autor*innen für sich tatsächlich eine Auszeichnung verdienen, ist für die gesendete politische Botschaft im Grunde unerheblich. Vielleicht ist es sogar so, dass »identitätspolitische« Überlegungen bei der Zusammenstellung der Longlist für den Buchpreis eine Rolle gespielt haben; aber wenn, dann ist das keine Absage an das Kriterium der »literarischen Qualität«, sondern lediglich ein Anerkennen, ein Bewusstmachen dieser schon immer mitschwingenden politischen Dimension. Es ist ein Eingeständnis, dass unser Begriff von »literarischer Qualität« schon immer geprägt war von den Narrativen, die Menschen mit bestimmten identitären Merkmalen mehr Raum, ihren Geschichten mehr Gewicht zugestanden als anderen, und ein Versuch, durch bewusstes Anwenden identitätspolitischer Kategorien diese Narrative zu hinterfragen. Man kann sich als Kritiker*in natürlich damit zufrieden geben, die vermeintlichen identitätspolitischen Überlegungen, die in die Zusammenstellung einflossen, wiederzugeben und Titel darauf basierend einigermaßen oberflächlich zu kategorisieren; aber interessanter, und nützlicher für den*die Leser*in, wäre doch, zu fragen, ob nicht gerade diese Überlegungen dazu führen, dass »literarische Qualität« da gefunden wird, wo wir bisher gar nicht erst nachgesehen haben.


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  1. Platthaus findet es »reizvoll«, dass Krachts »Mutter-Buch« auf der Shortlist gegen Helfers »Vater-Buch« antritt. Güngörs Roman hat es leider nicht auf die Shortlist geschafft — ich weiß nicht, ob Platthaus das ähnlich reizvoll gefunden hätte. Der seltsame Gegensatz, den er behauptet zwischen der »identitätspolitischen« und der »klassischen« Literatur, zu der Vater und ich offenbar nicht zählt, lässt mich aber zweifeln.↩︎

  2. …was, damit wir uns verstehen, natürlich auch seinen Wert hat.↩︎