Promising Young Woman ist Rache-Exploitation über die Unzulänglichkeit von Rache

January 22, 2021 film review kritik carey mulligan emmett fennell exploitation Text

Promising Young Woman war vielleicht der Film, über dessen abgesagten Kinostart ich letztes Jahr am traurigsten war —— obwohl, oder wahrscheinlich weil, ich gemischte Gefühle über das Subgenre habe, mit dem der Film offensichtlich zu spielen schien. Mit einem Drehbuch und Regie von Killing-Eve-Autorin Emerald Fennell war davon auszugehen, dass der Film mehr ist als eine glossy Reproduktion des »Rape Revenge«-Exploitation-Subgenres, und das ist er auch: Promising Young Woman ist ein Rape-Revenge-Thriller, ja, aber es ist auch ein Film darüber, warum die Art von Katharsis, die diese Filme bieten, immer etwas Tragisches hat; es ist auch ungefähr eine halbe romantische Komödie, und eine realistische Charakterstudie über Trauma und Mental Health.

Es überrascht nicht, dass dieser Film, seit seinem Start Ende letzten Jahres1, Kritiker*innen und Zuschauer*innen spaltet, vor allem mit seinem ziemlich gewagten Ende. Es ist ein have your cake and eat it, too-Film, einer, der auf einem sehr schmalen Grat wandert; ob er für den*die einzelne funktioniert, hängt wohl damit zusammen, wie viel Exploitation man in seinem Drama zu akzeptieren bereit ist, wie viel direkte, schonungslose Konfrontation mit Traumata in seinem sleazy Exploitation-Reißer. Es ist auch einer dieser Filme, die fast zu clever sind, die dem*der Zuschauer*in so unentwegt zuzwinkern, dass es auf den*die ein oder andere*n ermüdend wirken dürfte: vom Titel —— eine Anspielung an Brock Turner und ähnliche Fälle, in denen Täter mit teils lächerlich milden Strafen davongekommen sind, auch, weil man diesen »Promising Young Men« nicht ihre angeblich so verheißungsvolle Zukunft nehmen will ——, über den Soundtrack aus Tracks der Sorte weiblicher Pop-»Sternchen«, die wir erst vor relativ kurzem gelernt haben, ernst zu nehmen, bis hin zum Cast, der eine All-Star-Riege aus Film- und Fernseh-»Nice Guys« versammelt, um dann mit genau diesem Image zu brechen.2 Ich kann weite Teile der Kritik an Promising Young Woman, der Frustration auch über eine verpasste Chance, die einige im Film sehen, nachvollziehen, und, seien wir ehrlich, ich bin sowieso nicht die Sorte Zuschauer, dessen Urteil hier wirklich zählt: Dieser Film ist mehr über als für mich —— ich mein, ein Bisschen weniger Depressions- und Pandemie-Gewicht und ich sehe im Grunde aus wie alle Männer in diesem Film.

Behaltet also all diese grains of salt im Hinterkopf, wenn ich sage: Ich liebe diesen Film. Your mileage may very much vary, aber für mich trifft Fennell meist wirklich exakt den richtigen Ton, was beeindruckend ist in einem Film, dessen Tonart so oft und unvermittelt wechselt; für mich fällt Promising Young Woman mitten in die Kategorie »Das hier sollte nicht funktionieren, aber irgendwie tut es das«: Der Film brachte mich zum Lachen und war kathartisch und brach mir das Herz und es war mir, auf genau die richtige Art, sehr unangenehm, zuzuschauen, und irgendwie hat sich das alles gegenseitig nicht beeinträchtigt. Gerade für ein Debüt scheint mir der Film beeindruckend selbstsicher —— bei aller tonalen Varianz weiß er doch sehr genau, was er will, und ja, das gilt auch für dieses Ende, das, je mehr ich darüber nachdenke, wie die einzig konsequente Schlussfolgerung wirkt, und die verschiedenen Stränge sehr effektiv zusammenführt.

Aber fangen wir vorne an: Es geht um Cassandra3 (Carey Mulligan), die früh im Film ihren 30. Geburtstag »feiert«4, nach einem abgebrochenen Medizinstudium in einem Café arbeitet und noch immer bei ihren Eltern wohnt. Die wenigen Menschen, die ihr nahestehen, fragen sich, was passiert ist, warum eine junge Frau, die, ja, einmal eine so verheißungsvolle Zukunft hatte, in einem Dead-End-Job feststeckt, offenbar ohne Ambitionen, ihre Situation zu ändern. Der*die Zuschauer*in erfährt allerdings früh, was Cassie als ihre wahre »Berufung« sieht: Jedes Wochenende besucht sie einen Club und stellt sich betrunken; unweigerlich findet sich ein Nice Guy, der ihr »nach Hause hilft«, unweigerlich kommt ihm auf dem Weg die Idee, Cassie noch für einen Absacker in sein Apartment einzuladen, unweigerlich nutzt er die Situation und Cassies scheinbare Wehrlosigkeit aus, obwohl Cassie, trotz vorgetäuschter Betrunkenheit, stets ein sehr explizites »Nein« formuliert. Im letzten Moment offenbart Cassie dann, wie sehr sie noch im Besitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte ist, und jagt den angehenden Date-Rapists so einen gehörigen Schrecken ein.

Viel mehr eigentlich nicht: Einer der vielen Tricks dieses Films ist, dass er sich anfühlt wie ein Stück Revenge-Exploitation, ohne sich einiger vermeintlich essenzieller Exploitation-Stilelemente zu bedienen; der eine explizite Gewaltakt des Films ist dezidiert nicht von der Sorte, die dieses Genre gewöhnlich ausmacht, ist schockierend & schmerzhaft und so gar nicht kathartisch. Dennoch fühlt sich Cassie Wochenendbeschäftigung an nie die Erfüllung einer aufrrgenden, verbotenen Fantasie. Als ein ehemaliger Kommilitone, Ryan (Bo Burnham) Cassie im Café anspricht & nach einem Date fragt, kratzt das einerseits an Cassies sorgsam kultivierter, zynischer Sicht auf die Welt: Allem Anschein nach ist Ryan wirklich ein netter Kerl, und Cassie lässt zu, dass er nach und nach durch ihre Verteidigung bricht. Andererseits kommt mit Ryan auch ein Weg zu einer anderen, zielgerichteteren Art von Rache: Cassies Kreuzzug gegen toxische Männlichkeit, lernen wir früh, ist motiviert von persönlichem Trauma. Während ihrer Zeit an der Uni wurde Cassies enge Freundin Nina von einem Kommilitonen, vor Publikum, vergewaltigt; der Kommilitone kam ungestraft davon, und Nina, das wird sehr vehement impliziert, starb später durch Suizid. Ryan hält Kontakt zu seinen ehemaligen Kommilitonen und ist zum Junggesellenabschied des Vergewaltigers eingeladen —— eine Gelegenheit für Cassie, ihn direkt zu konfrontieren.

In einem Film voller Balanceakte ist Cassies Beziehung zu Ryan ein besonders waghalsiger: Wer im Setup eine not all men«-Relativierung befürchtet, darf ausatmen —— Fennell geht in eine andere Richtung. Der von einigen Kritikerinnen vor­gebrachte Vorwurf, Fennell offenbare hier einen ins Misanthropische gehenden Zynismus, ist schwieriger von der Hand zu weisen: Die Beziehung endet für Cassie retraumatisierend, verhärtet am Ende ihre zynische Weltsicht.

Für mich ist es Fennells präzise Kontrolle des Tons, die diesen Teil des Films davor bewahrt, eine allzu platte Allgemeinverurteilung zu sein. Fennell scheint weniger wütend als traurig über die Idee, die sie hier ausspricht. Es scheint ihr weniger um eine pauschale Verurteilung aller Männer zu gehen als darum, spürbar zu machen, mit welchen Risiken es für Frauen verbunden ist, sich zu öffnen, verwundbar zu machen. Anders als Cassies andere Kommilitonen scheint Ryan, trotz allem, tatsächlich wie jemand, der seit der Zeit an der Uni gewachsen ist, an sich gearbeitet hat; jemand, der Cassie, würde er sie betrunken im Club antreffen, tatsächlich eher helfen würde als sie auszunutzen. Aber er hat eben auch, in einem entscheidenden Moment, ein toxisches System versäumt zu hinterfragen. Dass beides wahr ist, scheint mir den Punkt von Ryan als Figur zu sein. Toxische Männlichkeit & Rape Culture zu konfrontieren, heißt auch, Männer nie Ryan zu konfrontieren, und ich habe nicht das Gefühl, dass der Film hier allzu einfache Antworten liefert —— es geht mehr um den emotionalen Preis, den es kostet, überhaupt die entsprechenden Fragen zu stellen.

Die Konfrontation mit Ryans Vergangenheit ist es, die Cassie letztlich endgültig auf den Pfad der Rache bringt, und es endet katastrophal. Doch Cassies Ende ist nicht das Ende des Films, und am Ende bekommt Cassie ihre Rache, in einem zugegeben wenig plausiblen, aber befriedigenden letzten Twist.

Emily VanDerWerffschreibt bei Vox, dass dieses Ende deshalb polarisiere, weil Promising Young Woman sich hier dann doch auf ein Genie festlegt: Das Element von Wish-Fulfillment, das Priorisieren von Katharsis über Plausibilität, positioniere den Film eindeutig als Exploitation-Thriller, und ob man als Zuschauer bereit ist, diesen Weg mitzu­geben, entscheide darüber, ob das Ende funktioniere oder nicht.

VanDerWerff hat Recht, dass der Film sich hier der erzählerischen Mechanismen des Exploitation-Genres bedient; und zweifelsohne wirft Fennell hier endgültig alle Ansprüche an Glaubwürdigkeit über Bord. Aber was das Ende für mich so stark macht, ist dass es emotional eben sehr wohl als konsequenter Schluss jeder Seite dieses Films funktioniert. Es ist ein Stück Wishfulfillment und Katharsis, aber es offenbart auch noch einmal die Tragik eines Lebens, das wie das von Cassie von persönlichem Trauma überschattet ist. Cassie bekommt ihre Rache, ihre Genugtuung, hat das letzte Wort in ihrer Geschichte; aber der Preis, den sie dafür zahlt, ist die endgültige Selbstaufgabe; sie erstreitet sich, endlich, ein Stück Gerechtigkeit; aber sie gibt damit endgültig ihre Chance auf, das »Versprechen« zu erfüllen, auf das der Titel anspielt. Es ist eine Rachefantasie, aber eine, die gleichzeitig daran erinnert, dass »Rache« nie wirklich »Wiedergutmachung« bedeutet—— wenn die Zeit für Rache gekommen ist, ist die Chance auf Heilung und Wieder­gutmachung lange vorbei. Fennell setzt am Ende alles auf eine Karte, und riskiert, einen Teil des Publikums zu verlieren, aber mich hat sie so endgültig auf ihre Seite gezogen: Promising Young Woman schafft es so, den Opfern Agency zu geben, Deutungshoheit, ohne das reale Leid zu ignorieren, dass hinter Rachefantasien steckt, und er erkennt die Unüberwindbarkeit von Trauma an, ohne bloß Leid auszustellen.


  1. Bizarrer- und wahrscheinlich problematischerweise hat der Film an Weihnachten — talk about a family movie! — dann doch einen echten Kinostart bekommen.↩︎

  2. Neben Bo Burnham, dem nächsten, was der Film zu einem männlichen Lead hat, unter anderem Max Greenfield und Chris Lowell aus Veronica Mars, Sam Richardson aus Veep, Christopher »McLovin« Mintz-Plasse, und, natürlich, der Inbegriff des nerdigen, non-threatening Fernseh-Nice-Guy, Adam »Seth Cohen« Brody.↩︎

  3. Was ermüdende Cleverness angeht, ist dieser telling name zugegeben vielleicht ein Bisschen drüber.↩︎

  4. lies: ignoriert↩︎