Oktober-Rückblick, & Kurzreviews zu Metroid Dread, Maid & mehr

November 5, 2021 mail

Liebe Leser*innen,

Fun Fact über mein Blog: Mein mit gewaltigem Abstand erfolgreichster Post war bislang dieses gar nicht mal so gute Review zum Film Becky —wir erinnern uns, der Film, in dem Kevin James einen Neo-Nazi spielt? Der Grund für den Erfolg dieses Textes: Im Film terrorisiert James eine Familie, weil er vor seinem Gefängnisaufenthalt irgendwo in ihrem neuen Haus einen Schlüssel versteckt hat, den er jetzt zurückhaben will. Allerdings wird an keiner Stelle erklärt, was genau dieser Schlüssel öffnet. Ich persönlich finde das nicht schlimm, das ist halt ein MacGuffin und ob der jetzt eine Schatztruhe mit ungeahnten Reichtümern öffnet oder nur Kevin James’ alten Volvo startet ist letztlich einigermaßen egal, es hat keine Konsequenzen für das, was im Film passiert, und würde auch nicht viel an unserer Bewertung von James’ Figur ändern, weil, ich mein, wenn man eine Figur einmal als Neo-Nazi etabliert hat, hat man dem Publikum ja im Grunde alles über diese Figur verraten, was man wissen muss.

Viele Zuschauer*innen scheinen das aber anders zu sehen, und deshalb googeln sie, nachdem sie den Film angesehen haben, sowas wie »Becky Schlüssel wofür«, als könnte es ihnen jemals irgendeine Art von Befriedigung geben, würden sie, keine Ahnung, ein Interview mit den Drehbuchautor*innen des Films finden, in dem die sagen, »Oh, btw, hatten wir vergessen, im Drehbuch zu erwähnen, aber der Schlüssel ist der Schlüssel zum Herzen von Leah Remini« oder so. Und da in Deutschland kaum jemand anderes über den Film geschrieben hat, landet, wer sowas googelt, dann halt bei mir, und das hat bislang den allergrößten Teil der sagen-wir-mal Leserschaft meines Blogs ausgemacht. Das war mir immer ein Bisschen peinlich, weil, wie gesagt, das ist echt kein sonderlich inspirierter Text, er existiert in erster Linie, weil man manchmal halt einfach irgendwas schreiben und veröffentlichen muss, um seinen Leser*innen zu signalisieren, dass man noch lebt.

Nicht nur, aber auch deshalb freue ich mich, vermelden zu können, dass das Becky-Review nicht mehr mein erfolgreichster Blog-Text ist: Mein Essay über die ZDF-Reihe Ella Schön, in der Annette Frier das spielt, was sich neurotypische deutsche Fernsehautor*innen unter einer Autistin vorstellen, ist ein Bisschen viral gegangen, also, für meine Verhältnisse, und ich habe darauf sehr viele positive Reaktionen von autistischen Menschen und Allys bekommen.

Ein anderer Grund, warum mich das ziemlich freut, ist dass ich diesen Text zunächst ein paar Redaktionen angeboten hatte, aber entweder gar keine Antwort bekommen hatte oder nicht auf Interesse gestoßen war. Es verschafft mir, muss ich zugeben, eine gewisse Genugtuung, dass der Text zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Newsletters ungefähr das 150fache an Besucher*innen hatte, die ich sonst erreiche; und von der persönlichen Befriedigung abgesehen, deutet das vielleicht auch ein Bisschen darauf hin, dass Inklusion gar nicht das brotlose Special-Interest-Nischenthema ist, für das es die Redaktionen dieses Landes tendenziell halten. Just some food for thought.

Außerdem habe ich im Oktober diesen Text über Shida Bazyars Drei Kameradinnen und Dilek Güngörs Vater und ich geschrieben, und wie absurd es ist, wenn Feuilletonist*innen, basierend nahezu ausschließlich auf der Herkunft der Autor*innen, völlig unterschiedliche Romane unter »identitätspolitische Literatur« zusammenfassen.

Und natürlich gab es zwei neue Episoden von The Magic Circle.


Im November werden die letzten beiden Episoden der ersten Staffel von The Magic Circle erscheinen, die, wenn man mich fragt, beide ziemliche Banger sind. Wann es weitergeht und was zwischen den Staffeln passieren wird, dafür hab ich schon einen groben Plan, ist aber glaube ich eher ein Thema für die nächste Ausgabe dieses Newsletters. Schreiben werd ich auch irgendwas, aber gerade ist nichts in einem Zustand, dass ich es schonmal ankündigen könnte. Look, manchmal hat man einfach konkret nichts anzukündigen, obwohl oder gerade weil man an vielen spannenden Dingen arbeitet, ok?

Dafür gibt‘s diesmal mehr Kurzreviews:

Metroid Dread

Ich hatte, ehrlich gesagt, wenig bis kein Interesse an Metroid Dread: Es gibt nun wirklich mehr als genug Metroidvanias im Indie-Sektor, einige davon sogar gut — als Gesellschaft hatten wir das Bedürfnis nach neuen 2D-Metroids hinter uns gelassen, dachte ich. Dann las ich allerdings die sehr guten bis ekstatischen Reviews und habe dem Spiel eine Chance gegeben, und, ja, das stimmt schon: Metroid Dread ist ein sehr gutes 2D-Metroid. Es ist jetzt nicht viel mehr als das — es gibt dem Metroidvania-Genre keine neuen Impulse oder so. Aber es reicht doch auch, dass es einfach ein extrem gut durchdesigntes Metroidvania ist. Wenn ich irgendwas konkretes am Spiel auszusetzen habe, dann, dass es streckenweise fast zu gut durchdesignt ist, wenn es sowas gibt: Das Level- und Mapdesign des Spiels ist so obsessiv durchoptimiert, dass nur selten das klassische »Metroid-Feeling« aufkommt — dieses Gefühl von Einsamkeit, von Verlorenheit, von ständiger Bedrohung; es ist im Grunde unmöglich, sich zu verlaufen, was ja erstmal gutes Design ist, aber sich halt nicht nach Metroid anfühlt, und ein Bisschen Atmosphäre geht so schon verloren — hier ist so offensichtlich alles perfekt auf die spielende Person abgestimmt, dass man sich fast mehr wie in einer sehr guten Geisterbahn fühlt, oder vielleicht in einem sehr großen, überkomplexen Escape Room, als wie in einer fremden, gefährlichen Welt. Die Ausnahmen sind a) die unerwartet großartigen Unterwassersektionen, in denen im Grunde alles in Zeitlupe abläuft, Samus sich nur noch schwerfällig bewegt und so mittelwehrhaft ist, und in denen der Punkt auf der Karte, den man gerade erreichen will, aufgrund dieser Schwerfälligkeit immer so gerade außer Reichweite scheint; und b) die Begegnungen mit den E.M.M.I.s, Roboter, die programmiert sind, Samus aufzuspüren und zu töten, und denen sie für den größten Teil der Spielzeit nicht gewachsen ist, sodass nur Fliehen oder Verstecken bleiben. Diese Begegnungen sind, und das hätte ich jetzt auch nicht so erwartet, ehrlich furchteinflößend. Beides, die Unterwassersektionen und die E.M.M.I.-Begegnungen, sind aber selten abendfüllend, also bleiben diese atmosphärisch dichteren Episoden die Ausnahme.

Aber ja, nun: Eine sehr gute Geisterbahn ist halt eine sehr gute Geisterbahn, und wenn man nicht gerade, wie mein alter Chef fürs Teambuilding-Event, den billigsten Escape Room Berlins bucht, der tagsüber auch als WG für die Betreibenden dient (erzähl ich irgendwann mal, die Geschichte), machen die Dinger ja auch ziemlich Spaß. Will sagen: Die andere Seite dieses durchoptimierten Designs ist, dass Metroid Dread schlicht nie, nicht für eine Sekunde langweilig ist. Es ist frei von jeglichem Füllmaterial (und holy Shit, das gilt für so wenige Spiele heutzutage), das Pacing ist perfekt, es gibt in so ziemlich jeder Ecke der großen Map irgendwas neues, motivierendes zu entdecken, die verschiedenen Areale sind visuell überraschend abwechslungsreich und interessant, jede Bewegung von Samus fühlt sich einfach gut an (wo ich philosophisch eigentlich gegen bin, aber in der Praxis macht das halt ziemlich Spaß), die Bossfights sind die besten, die sich seit dem unterschätzten Mechstermination Force gespielt habe…the list goes on. Das ist alles nicht genredefinierend, und ein Spiel mit »Metroid« im Titel muss sich halt gefallen lassen, dass das irgendwie die (ziemlich unfaire) Erwartungshaltung ist, aber hat man sich davon einmal verabschiedet, ist Metroid Dread immerhin, you know, ein sehr unterhaltsames, herausforderndes und befriedigendes Videospiel.

Im Folgenden empfehle ich zwei Netflix-Serien, aber lasst mich an dieser Stelle, angesichts jüngster Nachrichten, nur kurz ganz objektiv anmerken, dass es theoretisch auch Möglichkeiten gibt, Netflix-Serien zu gucken, ohne für einen Netflix-Account zu zahlen.

The Billion Dollar Code

OK, das hier ist was, wovon ich auch nicht gedacht hatte, dass ich es in absehbarer Zeit schreiben würde: The Billion Dollar Code ist a) eine deutsche Mini-Serie, in der es b) um »irgendwas mit Internet und Technik und so Zeugs« geht. Und trotzdem ist es richtig, richtig gut.

Es geht um den Prozess der deutschen Firma ART+COM gegen Google. ART+COM hat in den 90ern an der Software »Terravision« gearbeitet, die im Grunde Google Earth vor Google Earth war. Im Prozess ging es um den Vorwurf, dass Google nicht nur die Idee, sondern Teile des Codes von Terravision übernommen, i.e. gestohlen habe.

Es ist natürlich keine 100% akkurate Darstellung des realen Prozesses, aber wie die Serie sowohl technologische Details als auch juristische Feinheiten — Google hat eine Eigenheit des amerikanischen Patentrechts ausgenutzt, um dafür zu sorgen, dass es sich für ART+COM und die diversen anderen kleineren Unternehmen, von denen sie angeblich gestohlen haben, selbst im Erfolgsfall kaum gelohnt hätte, gerichtlich gegen Google vorzugehen — verständlich macht, dabei quasi im Vorbeigehen einen Einblick in die faszinierende deutsche Hackerszene der 90er gibt, und gleichzeitig einfach als spannender, unterhaltsamer Gerichtsthriller funktioniert, ist einigermaßen beeindruckend. Die Serie nimmt dabei eine Haltung ein, die ich so eigentlich nur in der fantastischen Serie Halt & Catch Fire gesehen habe (und die ich ziemlich erfrischend finde angesichts der eher mahnenden Haltung, die die meiste Fiktion über Technologie und das Internet einnimmt): Sie ist grundoptimistisch über Technologie an sich, und grundpessimistisch über die Tech-Industrie. Sie stellt Silicon Valley und seine Kultur treffend als korrumpierenden Einfluss auf die ursprünglich eher in der Tradition der Kunst und Counter Culture stehende Hackerszene dar. Ich wiederhole mich, aber: Dass ausgerechnet eine deutsche Serie eine so viel nuanciertere Perspektive auf Technologie und Internet bietet als die allermeisten Filme, Serien und Bücher, die sich damit beschäftigen, ist eine große, aber umso erfreulichere Überraschung.

Maid

Squid Game, ja, von mir aus, kann man machen (auch, wenn ich persönlich finde, dass die Idee eigentlich eher Material für einen 90-Minüter als für 9 einstündige Serienepisoden wäre). Die vielleicht noch gelungenere Netflix-Serie über den unentrinnbaren, unfairen Grind des Kapitalismus ist aber Maid, basierend auf dem gleichnamigen Memoir von Stephanie Land. Margaret Qualley spielt Alex, die, nachdem sie vor ihrem gewalttätigen Freund flieht, allein für die gemeinsame Tochter sorgen muss — ohne finanzielle Rücklagen, formale Qualifikationen oder, zunächst, nennenswerten familiären Rückhalt.

Maid ist im Grunde »Arm sein ist teuer — Die Show«. Die Serie zeigt sehr eindrucksvoll, dass Armut mehr bedeutet als »gerade kein Geld haben«, dass sie kein vorübergehender Status ist, dem man, wenn man sich einfach mal »anstrengt« und »hart arbeitet« problemlos wieder entkommen könnte; stattdessen ist sie ein Kreislauf, ein frustrierender, unfairer Catch-22 aus Zwängen und Hürden und Barrieren, die einander bedingen und potenzieren. Um etwa überhaupt die Zeit zu haben, als Putzfrau arbeiten gehen zu können, müsste Alex irgendeine Art von Betreuung für ihre Tochter organisieren, und um sich das leisten zu können, müsste sie erstmal eine Weile arbeiten gehen. Wir schauen herab auf Menschen wie Alex, die »nichts gelernt haben«, aber wenn das eigene Leben so sehr von konkreten, akuten Sachzwängen bedroht ist wie das von Alex, wenn der Kontostand diktiert, dass man erstmal darüber nachdenkt, wie man heute Abend was zu Essen für die eigene Tochter auf den Tisch stellt, dann fühlt es sich fast wie ein verschwenderischer Luxus an, über »heute Abend« hinauszudenken, irgendwelche langfristigen Ambitionen wie die eigene Weiterbildung zu verfolgen, anstatt noch eine Schicht als unterbezahlte Putzfrau anzunehmen.

Es ist alles einigermaßen herzzerreißend und deprimierend, aber eine gewisse inszenatorische Verspieltheit, starke Drehbücher und nicht zuletzt eine wirklich fantastische Margaret Qualley1 helfen, das Schauen dieser Serie zu mehr zu machen als nur Masochismus. So viel die Serie über Armut und wie wir mit den Schwächsten in unserer Gesellschaft umgehen zu sagen hat, ist Alex doch mehr als ein Stand-In für diese, sie ist eine spezifische, runde Figur mit Träumen und Ambitionen, die über »heute genug verdienen um das Auto voll genug tanken zu können um morgen zur Arbeit zu kommen« hinausgehen, und sie ist, so deprimierend ihre Umstände sind, eine Figur, mit der man gerne Zeit verbringt.

The Sparks Brothers

Sparks, die Band im Zentrum von Edgar Wrights erster Dokumentation, sind hierzulande, wenn überhaupt, am ehesten für ihren Hit When Do I Get to Sing My Way?, doch die Band um die Brüder Ron und Russell Mael kann auf eine 50jährige (!) Karriere und 25 Alben zurückblicken, und sie hatten vor diesem, ihrem größten Hit, schon genug Höhen und Tiefen für mehrere Karrieren erlebt. Wright ist offensichtlich sehr großer Fan der Band, und das merkt man dem Film an — im Positiven wie im Negativen: Entschlossen, dem Rest der Welt zu beweisen, was Fans schon lange wissen, nämlich dass Sparks low-key eine der einflussreichsten Bands der letzten 50 Jahre sind, eine dieser Bands, von der alle deine Lieblingsbands irgendwas abgeguckt haben, versammelt Wright den vielleicht beeindruckendsten Cast aus Talking Heads, den ich je in einer Doku gesehen habe, noch weit nach der Hälfte der Laufzeit hat man diese »Ach, der ist auch noch Fan?«-Momente; gleichzeitig nimmt Wright sich eine Menge Zeit, einfach sehr viele Sparks-Songs sehr lange auszuspielen, und zusammen hat das schon den gewünschten Effekt — es ist eine lange Playlist aus abwechselnd überschwänglichen Lobeshymnen und Songs, die man jetzt nicht persönlich super finden muss, aber deren Kreativität und Varietät und schiere, unverwechselbare Weirdness man schon irgendwie anerkennen muss, wenn man ein Grundinteresse an Popmusik und/oder dem Konzept »Humor« hat, und es ist schwer vorstellbar, dass sich das irgendjemand anguckt, ohne am Ende wenigstens ein Bisschen Fan zu sein.

Allerdings scheint Wrights Fan-Perspektive es ihm auch schwer zu machen, zu entscheiden, was wirklich wichtig ist, welche Perioden der Bandgeschichte wie ausführlich erzählt werden müssen, also hat er sich sicherheitshalber für »alle«, und »sehr ausführlich« entschieden, hat entschieden, kein einziges der 25 Alben der Band zu übergehen, und selbst als jemand, der sowohl Sparks als auch Edgar Wright schon vor diesem Film ziemlich super fand, fand ich die 2:20h Laufzeit doch einigermaßen ermüdend. Ein Luxusproblem ist dabei auch, dass, so beeindruckend der Cast ist, niemand der Interviewten ansatzweise so interessant ist wie die Maels selbst, und die kommen ja auch einigermaßen ausführlich zu Wort, aber für mich zumindest war das genau so ausführlich-aber-nicht-ausführlich-genug, dass ich immer ein Bisschen enttäuscht war, wenn Wright von ihnen wegschnitt und stattdessen Beck oder Flea oder sonstwen interviewte, der so berühmt ist, dass er nur einen Namen braucht.2

Aber mein Gott: Edgar Wright ist offenbar an dem Punkt seiner Karriere angekommen, wo er machen kann, was er will, und ich finde, das haben Künstler*innen jetzt auch schon unsympathischer genutzt. Das Gefühl, das am Ende dieses Films bleibt, ist so ein good for them: Schön, dass diese großartige, unterschätzte Band dieses irgendwie dann doch angemessen opulente Denkmal bekommen hat, schön, dass Wright es ihr errichten durfte.

Ben H. Winters — Golden State

Vor ein paar Monaten schrieb ich in diesem Newsletter über Ben H. Winters’ The Quiet Boy, über einen Teenager, der nach einem Unfall an einer unerklärlichen Krankheit leidet, und was das mit denen macht, die im nahestehenden. Golden State ist Winters’ vorheriger Roman (in dem interessanterweise bereits eine Version von The Quiet Boy als fiktionaler Roman-im-Roman vorkommt). Die Prämisse scheint erstmal in eine ganz andere Richtung zu gehen: Golden State ist eine Dystopie, in der große Teile von dem, was heute die USA sind, vom titelgebenden Golden State abgelöst wurden. Im Golden State ist jede Form von Lügen, von kleinen, alltäglichen Lügen bis hin zum Schreiben von Romanen, verboten; die Bürger*innen werden überwacht und sind verpflichtet, lückenlos Tagebuch zu führen, und so ihren Teil zum permanenten, »objektiven« Archiv von allem, was war und ist beizutragen. Die Hauptfigur ist ein »Speculator«, Mitglied einer Spezialeinheit der Polizei, die mit der Aufklärung von Verstößen gegen diese Regeln beauftragt ist; Speculators, wie der Name schon sagt, haben als einzige die Lizenz, zu spekulieren, verschiedene, alternative »Wahrheiten« auszuprobieren, um am Ende die eine objektive zu finden.

Golden State erschien 2019 und ist offensichtlich eine Reaktion auf die Trump-Jahre, auf das Zeitalter der »Alternative Facts«. Es wird nicht explizit ausgesprochen, aber immer wieder angedeutet, dass der Golden State mit seiner Obsession mit »objektiver« Wahrheit eine Art Pendelreaktion ist auf eine Zeit, in der Wahrheit zunehmend Auslegungssache wurde, in der wir unsere gemeinsame Realität verloren haben und stattdessen in unseren eigenen Welten lebten.

Als sonderlich politischen Roman würde ich Golden State dennoch nicht bezeichnen; eher versucht Winters, wie in The Quiet Boy, sich über eine Genre-Story (in the Quiet Boy war es ein Gerichtsthriller, hier eine Noir-Detektivgeschichte) philosophischen Fragen anzunähern. Trotz des erstmal sehr unterschiedlichen Plots geht es thematisch doch in eine ähnliche Richtung wie in The Quiet Boy: Es geht darum, wie wir lernen müssen, Ungewissheiten auszuhalten, darum, wie wenig greifbar »objektive Wahrheit« letztlich ist; wenn wir irgendeine Art von gemeinsamer, geteilter Realität wollen, so Winters, erreichen wir diese nur, indem wir nach einer tieferen Art von Wahrheit suchen, indem wir uns fragen, woran wir glauben, welche Werte, Ideen und Geschichten wir miteinander teilen.

Auf dieser Ebene, als »novel of ideas« oder whatever, hat Golden State mir erneut gut gefallen, aber verglichen mit The Quiet Boy fiel es mir schwerer, einen Bezug zu den Charakteren herzustellen: Winters’ Figuren beginnen als Noir-Tropes — und enden auch weitestgehend da, werden nicht zu spezifischen Charakteren. Golden State hat auch das Problem vieler High-Concept-Geschichten, nämlich: Die Grundidee ist stark, aber sie ist halt so stark, dass man, wenn man sie einmal gehört hat, die Geschichte, die sich daraus ergibt, im Grunde selbst schreiben könnte. Winters interessiert sich hier deutlich mehr dafür als in The Quiet Boy, die zentrale Mystery sauber aufzulösen, und dann ist es halt ein Bisschen langweilig, wenn es im Grunde nur eine Richtung gibt, in die sich diese Geschichte entwickeln kann. Ich habe weiterhin Interesse, mehr von Winters zu lesen, aber ich hoffe, dass er in anderen Romanen nicht so sehr in die Tropes der Genres verliebt hat, mit denen er spielt, und erzählerisch stattdessen mehr in die charakterbasierte Richtung geht, die er in The Quiet Boy einschlägt.



  1. Weniger fantastisch leider: Qualleys echte Mutter Andie MacDowell als ihre Serienmutter; wenig überraschend, aber dennoch deprimierend, dass MacDowell für ihre völlig overactete Performance einer Cartoon-Version einer bipolaren Störung gerade allerorten gefeiert wird.↩︎

  2. Eine völlig unironische Einblendung in diesem Film lautet »Voice of Björk«.↩︎