Nebenan, von & mit Daniel Brühl, ist definitiv ein Film von & mit Daniel Brühl

July 21, 2021 film kritik rezension review kino daniel brühl Text

Hat Daniel Brühl ein Image? Hat er überhaupt Eigenschaften? Versucht mal, Daniel Brühl zu beschreiben, ohne zu beschreiben, wie er aussieht. Habt ihr was, weil mir fällt nichts ein?

Daniel Brühl ist ein talentierter Schauspieler, so rein technisch betrachtet. Er spielt jede Rolle ordentlich. Aber es gibt keine Rolle, die nur Daniel Brühl spielen kann.

Daniel Brühl wirkt nicht sonderlich arrogant oder abgehoben oder weltfremd. Aber er ist auch nicht einer dieser Celebritys, deren angebliche Bodenständigkeit wir fetischisieren. Er gibt nicht an, er schaut nicht herab, aber er kumpelt auch nicht rum. Daniel Brühl wirkt halt einfach wie ein Typ, der einen Job macht, & dieser Job beinhaltet öffentliche Performances, die man jeweils bewerten kann, & das ist dann auch das einzig interessante an ihm. Das meine ich völlig wertfrei. Es wäre seltsam, eine starke Meinung über Daniel Brühl als Gesamtkonzept zu haben, in irgendeine Richtung.

Das ist das große Problem von Brühls Regiedebüt Nebenan, oder eins seiner beiden großen Probleme. Nebenan ist einer dieser Filme, die mit dem etablierten Image & der Persona eines Stars spielen wollen, was halt nicht funktionieren kann, wenn dieser Star kein Image, keine Persona hat. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich das mal schreiben würde, aber Nebenan wäre gleich ein besserer Film, hätte Brühl statt sich selbst, sagen wir, Til Schweiger besetzt, jemand, der in jede*r Zuschauer*in eine unmittelbare, wenn auch sicher in unterschiedliche Richtungen gehende emotionale Reaktion auslöst.

So liegt es am Drehbuch, aus diesem Daniel Brühl einen Til Schweiger zu machen, & das ist das andere Problem des Films: Das Drehbuch von Daniel Kehlmann, dem Daniel Brühl der deutschen Literatur, ist eine kompetente Auftragsarbeit, die Sorte, die vielleicht Material für einen unterhaltsamen Film sein könnte, wäre sie Arbeitsgrundlage für eine*n einfallsreiche*n Regisseur*in, eine*n, der*die auch mal was versucht, & einen Hauptdarsteller, der eine eigene Persona mitbringt, die das Skript aufwertet, der Figur Farbe gibt. Brühl ist nicht dieser Regisseur, er führt Regie, wie er schauspielert, & das mit der Persona, nun, da drehen wir uns jetzt im Kreis.

Es geht um einen Schauspieler, Daniel, der nicht wirklich Daniel Brühl ist, aber halt schon irgendwie: Seine Filmographie ist, vom Durchbruch mit einem »Stasi-Film« bis zur Rolle in einer Netflix-Crime-Serie, eindeutig Brühls nachempfunden, er lebt wo Brühl lebt, in Berlin Prenzlauer Berg, & er soll am Tag, an dem der Film spielt, für ein Casting nach London, für eine Rolle in einem Film, der nicht wirklich ein Marvel-Film ist, aber diese eindeutig evozieren soll. Die Stunden vor dem Casting will Daniel in seiner Stammkneipe verbringen, eine dieser alten Berliner Eckkneipen, deren Sterben wir gerade so oft beklagen; dort verwickelt ihn einer der wenigen anderen Gäste, Bruno (Peter Kurth) in ein Gespräch. Wie sich herausstellt, lebt Bruno in der Wohnung gegenüber Daniels, & er weiß erschreckend viel über Daniel & sein Leben, was er immer unverhohlener nutzt, um den Star zu manipulieren.

Wir sollen also glauben, dass dieser Bruno eine Vendetta gegen Daniel Brühl hat; dass in unmittelbarer Nähe zu Daniel Brühl zu wohnen, kriminelle Energie in ihm freisetzt. Brühl & Kehlmann versuchen auf zwei Arten, das plausibel zu machen.

Die erste: Sie versuchen, diesen fiktionalisierten Daniel als den arroganten, abgehobenen Typen darzustellen, der der echte Daniel Brühl allem Anschein nach nicht ist. Dabei tragen sie leider entschieden zu dünn auf. Ja, dieser Daniel wirkt ein Bisschen eitel, ein Bisschen fake: wie er sich seinen instagramtauglichen Frühstücksbowl anrichtet, wie er 5 Minuten mit den Kindern herumalbert & dann offenbar glaubt, seine Pflicht erfüllt zu haben & wieder an die Haushälterin abgibt, wie er zum Frühstücksbowl Espresso trinkt & dann in der Kneipe betont, dass er keinen Espresso brauche, der gute alte Filterkaffee reiche ihm. Das ist alles ein Bisschen unsympathisch — aber halt nur ein Bisschen. Man rollt kurz mit den Augen & denkt dann: Hab ich aber auch schon schlimmer gesehen. Außer Bruno, offenbar.

Die andere Taktik, Brunos Hass auf Daniel zu rechtfertigen, besteht darin, das eher mittelschwere Ärgernis, das Daniel in Brunos Leben sein muss, an Große Aktuelle Debatten zu knüpfen, & hier wird das Drehbuch dann etwas ärgerlich: Wie Kehlmann Bruno hier Schlagworte wie »Gentrifizierung«1 in den Mund legt, wie er ihn erzählen lässt, dass Daniels Wohnung einmal seinem Vater gehört hatte, als hätte das irgendwas mit Daniel persönlich zu tun, das soll wohl eine gewisse Empathie für die Kleinen Leute zeigen, zeigt aber letztlich nur, dass Kehlmann sehr selten tatsächlich mit diesen Menschen zu tun hat; Kehlmann & Brühl scheinen nicht wirklich zu verstehen, was das Problem an Vorgängen wie Gentrifizierung ist, reduzieren sie auf persönliche Kränkungen & eine vage Abneigung gegen jede Art von Veränderung, & legen dieses Unverständnis dann Bruno in den Mund, & zeichnen die Kleinen Leute so vor allem als kleingeistig. Wir sollen glauben, dass Bruno & die Wirtin es irgendwie unanständig finden, dass Daniel ihren Namen nicht kennt, obwohl er doch Stammgast ist, aber, keine Ahnung, dieser Daniel gibt sich vielleicht ein Bisschen zu freundlich & kumpelhaft, aber es ist jetzt auch nicht so, als würde er die Wirtin zur Begrüßung auf den Mund küssen; die Idee, dass diese Frau es als persönliche Beleidigung auffassen würde, wenn nicht jeder, der ihre Kneipe mehr als einmal besucht, sie zur Taufpatin seines*r Erstgeborenen macht, ist absurd, sie reduziert die ökonomischen Ängste, die dahinterstecken, wenn über sowas wie das Sterben von Eckkneipen geredet wird, auf Eitelkeiten. In seinem finalen Monolog beklagt sich Bruno, er müsse Daniel immer wieder telefonieren hören, mal auf Englisch, mal auf Deutsch, mal auf Spanisch, &, ja, von mir aus, das nervt bestimmt schonmal, aber deswegen soll Bruno gleich zu einer ostdeutschen Version des Jokers werden, der Daniel & seine ganze Welt brennen sehen will, & dafür nicht unwesentliche eigene Risiken in Kauf nimmt? Ich weiß, ich wiederhole mich, aber es ist einfach schwierig zu glauben, dass Daniel Brühl, auch dieser (dezent) überzeichnete Daniel Brühl, in irgendjemandem solche Leidenschaft auslösen könnte. & es ist besonders schwierig zu glauben, dass dieser Bruno, der, bei allem sicher berechtigten Gefühl des Abgehängtsein, das Kehlmann ihm anschreibt, nun auch nicht so wirkt, als wäre sein Leben völlig leer, sich nicht ein Bisschen albern dabei vorkäme, so viel Energie in einen milde unangenehmen Nachbarn zu investieren.

& das wäre alles irgendwie fein, hätte das Drehbuch wenigstens genügend echte Pointen; stattdessen ist es voll mit dem, was Seth Meyers joke-oids nennt: Dialogzeilen & Schlagabtausche, die den vagen Rhythmus eines Witzes haben, aber nichts wirklich witziges enthalten, keine scharfsinnige Beobachtung, keine Überraschung. Einmal sagt Bruno, der ansonsten wenig Gutes über Daniels Schauspiel zu sagen hat, den Autisten in einem seiner frühen Filme, den habe er Daniel abgekauft, wahrscheinlich habe Daniel etwas davon in sich. Das war der erste wirklich große Lacher in meiner Vorführung, & von mir aus, ich bin da jetzt nicht beleidigt oder so, aber ich frag mich einfach: Was genau soll das heißen? Was ist hier die Beobachtung? Autisten sind besonders einfach zu spielen? Autisten sind irgendwie zurückgeblieben, also ist auch Daniel irgendwie zurückgeblieben? Würden Daniels Brühl & Kehlmann das so unterschreiben, oder haben sie sich einfach gar nicht weiter groß Gedanken um diese Zeile gemacht, weil sie sich vage witzförmig anfühlte, & das reicht ihnen?

Es ist einfach alles ein Bisschen lazy — jedes Element des Films scheint sich darauf zu verlassen, dass die anderen Elemente das Gesamtergebnis schon irgendwie auf ein höheres Level heben werden, & deshalb ist alles mit der Ambition umgesetzt, gerade gut genug zu sein. Aber wenn man an jeden Aspekt des Films so geht, nun, dann kommt da eben sowas bei raus: ein Film, der kompetent, aber wenig bemerkenswert inszeniert ist, nach einem ordentlich strukturierten, aber mittelmäßig geistreichen Drehbuch, mit einem Hauptdarsteller, der solide abliefert, aber jetzt auch keinen besonders großen Spaß zu haben scheint, weil seine Figur zwar glaubhaft ist, aber eben glaubhaft to a fault, weil die Züge an ihr, die überzeichnet sein sollen, an denen man sich reiben könnte, zu klein sind, zu beliebig, zu alltäglich. Schwierig, sich vorzustellen, dass irgendjemand auf diesen Film anders reagieren würde als so, wie man reagieren würde, würde man im echten Leben diesem Daniel im Treppenhaus begegnen: Augenrollen, Schulterzucken, mit Wichtigerem befassen.


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  1. …&, völlig unnötigerweise & ohne weitere Vertiefung, »Lügenpresse«.↩︎