»Music«: Sias Regiedebüt ist gefährlicher, ableistischer Trash

February 14, 2021 autismus review essay kritik neurodivergenz neurodiversity film musik sia ableismus behinderung disability Text

Nichtmal die Songs sind gut.

Es war ja zu erwarten, dass die Darstellung der autistischen Hauptfigur in Sias Regiedebüt Music, nun, unsensibel sein würde —— auch, wenn es unmöglich ist, darauf vor­bereitet zu sein, wie unsensibel; auch mit dem Rassismus des Films hatte ich irgendwie gerechnet —— wer so herablassend mit einer marginalisierten Gruppe umgeht wie Sia mit der au­tistischen Community glänzt im Umgang mit anderen mar­ginalisierten Gruppen selten mit Empathie; und dass der Film erzählerisch nicht viel mehr leistet als bessere, aber jetzt auch nicht unbedingt gute Filme nachzerzählen, nun, das war spätestens zu erwarten nachdem Sia ihren Film selbst als »Rain Man —— The Musical, but with girls« verkauft hatte, als wäre das etwas gutes. Aber die Songs? Das ist der eine Aspekt des Films wo wir mit einiger Sicher­heit wissen, dass Sia es besser kann. Wir reden von der Komponistin von Rhiannas Umbrella —— Sia hat einige legitime moderne Pop-Klassiker geschrieben. Aber kein Song des Films hat die Energie, den Druck eines Chandelier oder I’m Alive, oder die Eingängigkeit eines Umbrella oder Diamonds. Stattdessen erinnern die Songs, vor allem in Kombination mit den an Selbstparodie grenzenden Bubblegum-Video-Sequenzen, an Sias Beinahe-Namensvetter, die Band Mia, in der unsäglichen Tanz-den-Moleküle-Phase: Sie sind so leichtfüßig, dass es irgend­wie wieder aggressiv wirkt, & weniger eingängig als penetrant. Sie haben auch wenig bis keine Relation zur Handlung des Films, aber ganz ehrlich, das könnte ein Pluspunkt sein.

Sias Film, für diejenigen, die weniger involviert in die autistische Twitter-Community sind, ist im Grunde seit der ersten Ankündigung kontrovers, und Sias Promotion, die Veröffentlichung der Trailer & nicht zuletzt Sias konfrontativer Umgang mit Kritik aus der autistischen Community haben die Kontroverse nur weiter befeuert; von der Besetzung der neurotypischen Maddie Ziegler in der Titel­rolle, eine nonverbale Autis­tin, bis zur Sprache, der Sia sich bedient —— voll mit Euphemismen wie »Special Needs« & »Special Abilities«1 —— schien so ziemlich jede Ent­scheidung Sias ein weiteres Indiz, dass sie entgegen anderen Be­teuerungen wenig Recherche investiert hatte, bevor sie sich entschied, eine Geschichte über eine autistische Figur zu erzählen, und dass sie wenig Interesse daran hat, Stimmen aus der autistischen Community zuzuhören.

Ich bin nicht prinzipiell da­gegen, dass neurotypische Schauspieler*innen neurodivergente Figuren spielen oder dass neurotypische Autor*innen Geschichten über autistische Figuren erzählen. Damit wir uns verstehen: Ich finde es schon wichtig, zu hinterfragen, warum eine neurotypische Darstellerin wie Ziegler in einer autistischen Rolle besetzt wird und ob es zu rechtfertigen ist, einer autistischen Darstellerin so eine der ohnehin schon wenigen Chancen für eine High-Profile-Rolle zu nehmen; und gerade, nachdem ich Music gesehen habe, finde ich, dass Sia sich die Frage gefallen lassen muss, was sie zu der Überzeugung brachte, die richtige Erzählerin für diese Geschichte zu sein.

Aber ich bin nicht der Meinung, dass es den Film von vorn­herein disqualifizieren würde, eine neurotypische Autorin und Hauptdarstellerin zu haben. Ich habe gerade Stephen Kings Novelle If It Bleeds gelesen, in der die autistische Holly Gibney, die vorher als Nebenfigur in Kings Mr. Mercedes & The Outsider vorkam, die Hauptrolle spielt; ich war überrascht, wie sehr ich mich in Hollys Gedanken wiederfand, und es gibt mir eine eigenartige Form von Hoffnung, von einem nach allem was ich weiß neurotypischen Autoren so verstanden zu werden; auch Justine Lupes & vor allem Cynthia Erivos, —— meines Wissens ebenfalls beide neurotypisch —— Dar­stellungen der Figur in den Serienadaptionen von Mr. Mercedes & The Outsider haben mich beeindruckt. Das soll nicht heißen, dass es irrelevant wäre, ob eine autis­tische Figur von einer autis­tischen Darstellerin gespielt, eine Geschichte über eine solche Figur von einer autistischen Autorin geschrieben ist oder nicht —— wir brauchen ohne Frage mehr Chancen für neurodivergente Schau­spielerinnen und mehr #ownvoices-Geschichten; was ich vielmehr sagen will, ist: Es geht —— mit dem richtigen Maß an Empathie und Recherche können auch neurotypische Autor*innen & Darsteller*innen Neurodivergenz mit einem gewissen Maß an Authenti­zität und Wahrhaftigkeit ab­bilden.

Was im Umkehrschluss halt bedeutet: Da ist nicht viel Empathie bei Sia, und da hat nicht viel Recherche stattgefunden. Music ist das Werk einer Künstlerin, die sich ganz selbstverständlich für die Protagonistin ihres Lebens hält, andere Menschen und ihre Lebenserfahrungen bestenfalls als Lieferanten lehrreicher Parabeln, an denen sie wachsen kann —— und schlimmstenfalls als Requisiten.

Inhaltlich ist Sias Rain-Man-Vergleich ziemlich auf den Punkt: Es geht um Zu (Kate Hudson), die, nach dem Tod ihrer Großmutter, gezwungen ist, für ihre Schwester, die autistische, seufz, »Music« zu sorgen. Music lebt in einer bescheidenen Mietwohnung, ein paar Türen entfernt von Ebo (Leslie Odom Jr.), und es ist Zus Bedürfnis, ihn zu beeindrucken, das sie davon abhält, Music in professionelle Betreuung zu geben. Ebo ist eine rassistische Karikatur, ein unmöglich guter Mensch, dauernd lächelnd, dankbar für jeden Tag und voller Weisheit, ohne irgendwelche Schwächen oder sonstige Ecken und Kanten, die ihn ansatzweise menschlich rüberkommen ließen; er sagt Sätze wie »In my village, [being autistic] was considered a curse«, und das ist nichtmal das rassistischste in diesem Film.

Die —— in der Theorie —— realistische Darstellung von Zus und Musics Alltag wird aufgebrochen durch überstilisierte Musikvideos zu Songs, gesungen nicht von den Figuren, sondern von Sia selbst; die Idee, schätze ich, ist dass diese Sequenzen in Musics Kopf stattfinden, aber das ist Quatsch: Sie finden in Sias Kopf statt. Zu sagen, wir würden hier in Musics Kopf blicken, impliziert, dass Music irgendein nennenswertes Innenleben hätte, und das hat die Figur, so wie sie von Sia und Kinderbuchautor Dallas Clayton geschrieben und von Sia inszeniert ist, einfach nicht. Die Musik-Sequenzen haben wenig bis keine Relation zu irgendwelchen Charakterzügen, Interessen, Erlebnissen der Figur —— warum genau die Welt von Musics Fantasie aussieht wie, nun, ein Sia-Musikvideo, bleibt unerklärt, und die Musikvideos verraten uns nichts nennenswertes über die Wünsche, Gedanken und Gefühle der Figur. Was, wahrscheinlich, besser so ist, denn wann immer Sia doch halbherzig versucht, Elemente aus Musics echter Lebensrealität in die Choreographien der Videos zu integrieren, kommt dabei so etwas heraus wie in der Opening-Nummer, in der Ziegler zu Strobo-Licht, das es vielen Autisten unmöglich machen würde, lange in diesem Raum zu verweilen —— oder, nun, den Film zu gucken, aber das ist vielleicht wieder so einer dieser heimlichen Pluspunkte —— die Bewegungen und Gesichtszüge, vor allem beim Stimming, von autistischen Menschen imitiert, auf eine Weise, die der der schlimmsten ableistischen Bullys zum Verwechseln ähnlich sieht.

Nach dieser Opening-Nummer vergisst Sia glücklicherweise weitestgehend das Stilmittel von »Stimming als Choreographie«, und um die Hälfte der Laufzeit vergisst sie auch über weite Strecken, dass Music, die Figur, existiert. Music ist, anders als der Titel vermuten lässt, eben nicht die Protagonistin dieses Films, sie ist genau genommen nichtmal wirklich eine Figur, eine Person —— sie ist eine Plot-Device, um die Läuterung von Zu vom Junkie mit arrested development zur (angeblich) verantwortungsvollen Erwachsenen anzustoßen, und nachdem Music diese Funktion erfüllt hat, hat Sia keine Verwendung mehr für sie, und auch das ist wahrscheinlich besser so: Über diese Strecken ist der Film »nur« langweilig und unbeholfen erzählt anstatt aktiv gefährlich für eine marginalisierte Gruppe.

Denn das ist er eben: Ginge es »nur« um die karikaturhafte Darstellung in den Musical-Sequenzen, wäre es leicht, Music als vergessenswerten Trash abzutun —— die allerwenigsten, selbst, wenn sie wirklich völlig uninformiert an diesen Film gehen, würden das als eine authentische, unverzerrte Darstellung von autistischen Menschen wahrnehmen. Aber Music will halt nicht nur Bubblegum-Musical, sondern auch realistisches Drama sein, und verbreitet dabei Mythen über autistisches Leben und den richtigen Umgang mit autistischen Menschen, die, befürchte ich, nur mit entsprechendem Vorwissen als solche identifizierbar sind. Das fängt an mit Musics lachhaft reibungsloser Interaktion mit ihrer Umwelt: Wenn Music sich allein durch die Straßen New Yorks bewegt, begegnet sie fast ausschließlich freundlichen Gesichtern, Menschen schenken ihr Obst, Kioskverkäufer schneiden ihr Hundebilder aus Zeitschriften aus, absolut niemand macht sich über sie lustig oder ist eine Bedrohung für ihre Sicherheit; das, unterstelle ich mal, ist näher an Sias Lebenserfahrung als an der der meisten Autist*innen.

Noch gefährlicher ist das wiederholte Darstellen der prone restraint genannten Technik als legitimer, ja liebevoller Weg, Music im Falle eines Meltdowns zu beruhigen. Wir erinnern uns: Mit dieser Technik, die im wesentlich daraus besteht, den*die Betroffene*n in Bauchlage zu bringen und sich darauf zu setzen, um ihn*sie bewegungsunfähig zu machen, haben Polizisten in Louisianna letztes Jahr einen autistischen Teenager getötet —— bei weitem nicht der einzige tödliche Einsatz der Technik. Als Zu ihm vorwirft, Music mit dieser Technik wehzutun2, antwortet Ebo, »No, I am crushing her with my love«, und spätestens da war ich mir nicht mehr sicher, ob das hier wirklich ein real existierender Film war, den ich guckte, oder ob ich einen seltsamen Fiebertraum hatte, keine Ahnung, vielleicht hatte ich mich in der Dosis meiner Psychopharmaka vertan und hatte, warum auch immer, die Website von Autism Speaks offen oder so.3

Wenn das alles bei euch —— ehrlich, ich versteh das! —— diesen »Das klingt so furchtbar, das muss ich sehen!«-Reflex auslöst: Nee, müsst ihr nicht. Das hier ist nicht Cats, es ist nicht auf diese spaßige it-must-be-seen-to-be-believed Art scheiße; es ist einfach schmerzhaft unangenehm anzuschauen, und irgendwie gleichzeitig todlangweilig —— ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal bei einem Film so oft nachgeschaut hab, wie weit der Zeitbalken des illegalen Downloads bezahlten Streams schon fortgeschritten war.4 Ich würde sagen: Hört euch stattdessen nur das Album zum Film an, aber, nun…nichtmal die Songs gut.


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  1. …die immer nur dazu dienen, Außenstehende zu schonen, denen es unangenehm ist, über behinderte Menschen als, nun, Menschen nachzudenken, aber selten die Selbstbezeichnung der Wahl dieser behinderten Menschen wären.↩︎

  2. Ironisch, oder, nein, das ist nicht das Wort, was ich suche: Unverantwortlich, dass Sia diesen Einwand Zu in den Mund legt, um ihre fehlende Kompetenz im Umgang mit Music zu illustrieren.↩︎

  3. Selbst Autism Speaks, die Urheber des legendär absurden »I am Autism«-Spots, hielten es für nötig, klarzustellen, dass sie nichts mit diesem Film zu tun haben.↩︎

  4. Wenn ich diesem Film irgendetwas positives abgewinnen müsste, wäre es, dass es mir eine gewisse Hoffnung gibt, dass auch neurotypische Kritiker*innen Sias Bullshit nicht kaufen wollen —— es ist (ein Bisschen) beruhigend, zu wissen, dass zumindest die allerschlimmsten Formen von Ableismus mittlerweile allgemein identifizierbar sind. Dennoch macht es mir Sorgen, wie die weniger selbsterklärend gefährlichen Momente des Films auf ein uninformiertes Publikum wirken werden.↩︎