Music: Die Berichterstattung zu Sias Film zeigt, warum wir Neurodiversität im Journalismus brauchen

December 22, 2020 autismus neuro­diversity social justice film musik text

Ganz ehrlich, ich bin nichtmal wütend; ich finde es fast inspirierend, was Songwriterin Sia mit ihrem ersten Film Music1 macht. Klar, es gibt, soviel zu ihrer Verteidigung, eine Menge Fehlinformationen da draußen über Autismus und autistisches Leben —— die weltweit größte Organisation, die von sich behauptet, die Interessen von autistischen Menschen zu vertreten, ist unter diesen berüchtigt, und die Repräsentation von autistischen Menschen in Medien und Popkultur hat meist auch nur entfernt mit unserer tatsächlichen Lebensrealität zu tun; aber einen Film über eine autistische Protagonistin zu machen und dabei so wenig über das Thema zu lernen wie Sia, das braucht schon echte, aktive Anstrengung. Vom Sidney Morning Herald auf die Kritik aus der autistischen Community angesprochen, die die Ankündigung des Films und der Trailer nach sich zogen, sagte Sia:

What I do know is that people functioning at Music’s2 level can’t get on Twitter and tell me I did a good job either.

Man muss sich ja schnell Vorwürfe anhören, man sei humorlos oder zu leicht zu empören, wenn man die Ignoranz von Künstler*innen gegenüber dieser oder jener marginalisierten Gruppe aufzeigt. Ich will daher ganz deutlich machen: Das hier ist für mich a) sehr, sehr lustig und b) weniger Grund zur Empörung als zu kindlichem Staunen; es ist eine Art Arroganz, die ans Übermenschliche grenzt —— ich war noch nie von irgendwas so überzeugt wie Sia hier von sich und ihrem Film ——, eine Art von Selbstüberschätzung, die man sonst höchstens in Matt-Berry-Figuren sieht. »In Wahrheit finden echte Autisten meinen Film super, sie sind halt nur zu autistisch, um Twitter zu benutzen«, darüber will ich mich nicht aufregen, das gehört in Marmor gemeißelt und neben dem einen Video, in dem reiche Hollywood-A-Lister »Imagine no possessions/I wonder if you can« singen, im »Museum of Celebrity Cluelessness« (oder so) ausgestellt.

OK, ernsthaft: Es wäre schon irgendwie angemessen, empört zu sein über Sias Film und die dazugehörige Pressetour. Natürlich richtet es Schaden an, wenn jemand mit Sias Reichweite so ignorant über eine Gruppe Menschen erzählt, die ohnehin schon gegen Fehlinformationen und Vorurteile ankämpfen muss. Aber keine Ahnung, am Ende des Jahres 2020 fehlt mir irgendwie die Energie, noch viel Empörung für die Shenanigans von Celebrities aufzubringen, die seit Jahren nicht mehr das Wort nein“ gehört haben.

Sinnvoller investiert sehe ich meine begrenzte Energie anderswo: Was mich im Zusammenhang mit Music wirklich zusammenzucken lässt ist weniger der Unsinn, den Sia redet, als dass wir sie mit diesem Unsinn davonkommen lassen; als Celebrity auf Sias Level gehört es im Grunde zur Jobbeschreibung, ahnungslos über das Leben echter Menschen zu sein und sich dennoch anzumaßen, die Deutungshoheit über dieses Leben zu haben —— aber zur Jobbeschreibung von Journalist*innen, ja, auch »Entertainment-Journalist*innen« oder whatever, würde halt gehören, Sia mit der Kritik der autistischen Community zu konfrontieren.

Artikel wie der vom Sidney Herald zählen da nicht viel: Es geht nicht darum, zu fragen, wie diese Millionärin sich fühlt, weil marginalisierte Menschen sie auf Twitter kritisieren; es geht darum, sie mit den konkreten Kritikpunkten zu konfrontieren, die diese Menschen haben. Und wenn man das nicht tut als Journalist*in, dann macht man sich und das Medium, für das man arbeitet, halt ein Bisschen lächerlich.

In einem Interview mit Variety etwa sagte Sia —— neben einer Menge anderem Unsinn ——, ihr Film sei »Rain Man the musical, but with girls«. Auch das, ist erstmal eher lustig, auf so eine David-Brent-Art, als wirklich Grund zur Empörung —— oder wäre es zumindest, wenn Interviewerin Shirley Halperin, »Executive Editor« für Variety, die offensichtliche Anschlussfrage stellen würde, i.e: »Hey, Sia, du sagst das, als wäre es was gutes, als wäre Rain Man in der autistischen Community nicht eher verschrien dafür, dass er die populäre Vorstellung von Autist*innen über Jahrzehnte mit einem Zerrbild geprägt hat?« Halperin stellt diese Frage nicht, und das ist dann halt schon eher peinlich, da zuzugucken ist gar nicht lustig, es tut eher weh.

Eine Möglichkeit, solche Peinlichkeiten zu vermeiden, wäre, nun, neurodivergente Menschen anzustellen —— und zwar nicht nur für den »Autism Beat«, nicht nur, um persönliche Essays darüber zu schreiben, wie Filme wie Music sie persönlich verletzen; sondern im alltäglichen, General—Interest-News-Geschäft.

Bei der Kritik an Sia und ihre Film geht es nicht um Feinheiten, Spitzfindigkeiten, Subtiles; es geht ums Grobe: Um die Sprache, die Sia benutzt, wenn sie über autistische Menschen redet —— die wenigsten von uns wollen danach beurteilt werden, wie »funktional« wir sind, und viele behinderte Menschen finden es eher herablassend, wenn das Wort »behindert« durch Euphemismen wie »special needs« oder »special abilities« ersetzt werden. Es geht um die Frage, ob ein »Liebesbrief«, wie Sia ihren Film nennt, an —— in dieser Reihenfolge —— »caregivers« und die autistische Community, nicht deutlich aufrichtiger wirkte, hätte Sia eine autistische Darstellerin in der Hauptrolle gecastet. Und es geht um die Frage, wie Sia bei ihrer laut eigener Aussage intensiven Recherche nicht genau diesen Bedenken begegnet ist, oder ob sie sie bewusst ignoriert hat.

Ich will nicht sagen, dass nicht auch neurotypische Journalist*innen für solche basalen Argumente sensibilisiert werden könnten. Aber die effektivste Strategie für Publikationen, solche Peinlichkeiten zu vermeiden, und neurotypische Journalist*innen nicht regelmäßig in die etwas unbequeme Situation zu bringen, für eine Community sprechen zu müssen, der sie nicht angehören, ist neurodoivergente Journalist*innen anzustellen und sie nicht in das thematische Ghetto eines vermeintlichen Special Interest zu verweisen —— wenn Filme wie Music eines beweisen, dass dass marginalisierte Menschen und ihre Bedenken längst im Mainstream stattfinden: Die Frage ist, ob man die Deutungshoheit reichen Celebrities überlässt, die sich dieser oder jener marginalisierten Gruppe annehmen, ohne sich die Arbeit zu machen, die Perspektive(n) dieser Gruppe zu verstehen und einzubinden; oder ob man, zumindest in der Berichterstattung über die oft herablassenden oder fetischistischen Ergebnisse solcher Celebrity-Obsessionen, marginalisierten Menschen die Chance gibt, dem ihre eigene Stimme entgegenzusetzen.

Nothing about us without us“, ein altes Motto der Behinderten Community, hätte Sia am besten schon in ihrem Film selbst berücksichtigt; aber ich persönlich finde es enttäuschender, dass dieses Motto auch in der Berichterstattung ignoriert wird, und wir statt echter kritischer Konfrontation sabbernde Promo und Softball-Interviews führen, statt echte, substanzielle Stellungnahmen zu konkreter Kritik einzufordern einer Millionärin Gelegenheit geben, auszubreiten, wie die Bedenken der Community, deren Geschichte sie sich anmaßt zu erzählen, ihre persönlichen Gefühle verletzt haben.


  1. Ja, der Film heißt wirklich so.

  2. Ja, die Protagonistin des Films »Music« heißt wirklich so.