Earthlings & Convenience Store Woman: Sayaka Muratas neurodivergente Erzählerinnen geben Lektionen in Sachen Empathie

January 22, 2021 buch literatur kritik essay autismus neurodivergenz neurodiversity neurodiversität text

Es ist eine, sagen wir, interessante Erfahrung, einen Roman zu lesen, der mehr als jeder andere die eigene Art zu denken einfängt —— und dann in den Reviews zu diesem Roman zu erfahren, wie abnormal diese Art zu denken ist. So ging es mir mit Sayaka Muratas Convenience Store Woman: Keiko, die Erzählerin des Romans, ist nicht explizit als autistisch oder sonstwie neurodivergent gekennzeichnet, aber ich habe mich und die Art, wie mein Verstand funktioniert, wie ich die Welt sehe, selten so treffend repräsentiert gesehen; ich habe auch selten —— ich weiß, das hat etwas Narzisstisches —— eine Romanfigur schlicht so sehr gemocht. Wenn also Kritiker*innen in Publikationen wie der New York Times oder dem New Yorker Wörter wie »monstrous« oder »deranged« benutzen, um Keiko zu beschreiben, nun, dann fühlt man sich für einen Moment noch etwas mehr von der Welt und ihren »normalen« Bewohnern entfremdet als ohnehin schon.

Persönliche Befindlichkeiten dahingestellt, unterstützen solche Reviews unfreiwillig auch Muratas Argument in Convenience Store Woman: dass es erstaunlich wenig braucht, damit wir jemandes Anderssein als bedrohlich empfinden.

Keiko ist anders, seltsam vielleicht: Sie geht auf in ihrem Job in einem Convenience Store, identifiziert sich mit einer Tätigkeit, die andere bestenfalls als Durchgangsstation, schlimmstenfalls als Zeugnis persönlichen Scheiterns sehen. Aber Anhaltspunkte, sie als »deranged« und »monstrous« zu bezeichnen, gibt es wenige. Das Schlimmste, was Keiko im Roman tut, ist dass sie als Kind eine Prügelei zwischen zwei Schulkameraden beendet, indem sie einen mit einer Schaufel schlägt —— zweifelsohne brutal, aber wie »Exciting Times«-Autorin Naoise Dolan (selbst autistisch) im Guardian anmerkt, ist nachvollziehbar, wie Keiko dazu kommt. Sie hört die Rufe anderer Zuschauer*innen, jemand solle die Jungen aufhalten, und:

[S]he’s using the boys’ own tool — physical force — to achieve a desired outcome.

Davon ab sind es vor allem »falsche« Gedanken, die Reviewer*innen so über Keiko urteilen lasen: Dass sich ihr schreiender Neffe am Besten mit einem Kuchenmesser beruhigen lasse, um, das ist zweifelsohne ein verstörender Gedanke, aber es gibt keine Anhaltspunkte, dass Keiko ihn je in die Tat umsetzen würde; dass sie nicht versteht, warum ein toter Vogel auf dem Spielplatz Mitgefühl in den Erwachsenen auslöst, während sie keine Skrupel haben, andere Vögel zu essen —— ganz ehrlich, hierin kann ich mich nicht mal irgendwas Verstörendes oder Abnormales erkennen.

Geht es um konkretes Verhalten, ist Keiko zu herzzerreißendem, beinahe tragischem Grade darauf bedacht, anderen nicht zur Last zu fallen. Um die Sorgen ihrer Schwester zu beruhigen, ist sie bereit, ihr gesamtes Lebensmodell zu ändern: Sie lässt sich auf eine Scheinbeziehung mit einem, nun, Incel ein, weil ihrer Schwester und anderen wohlmeinenden Beobachtern wichtiger ist, dass Keiks Leben die äußere Form von »Normalität« annimmt, als dass Keiko selbst glücklich mit ihrer Lebenssituation ist.

Diese Reaktionen —— die der anderen Figuren, und die Reviews ——illustrieren in deprimierender Weise die Tragik, die der autistischen Lebenserfahrung innewohnen kann: Egal, wie hart wir daran arbeiten, neurotypisches Verhalten zu performen, zu masken, nicht zur Last zu fallen —— weite Teile der neurotypischen Welt werden niemals diese Bemühungen sehen, sondern nur die Momente, in denen sie scheitern. Einer der Gründe, warum Keiko sich in ihrem scheinbaren Dead-End-Job wohlfühlt, ist dass die Lehrvideos zum Umgang mit Kunden ihr auch grundlegenderes beigebracht haben: den richtigen Gesichtsausdruck im richtigen Moment zu machen, zB. - etwas, was in einer neurotypisch kontrollierten Welt vorausgesetzt wird, aber von neurodivergenten Menschen oft bewusste Anstrengung verlangt. Dass Keiko bereit ist, diese Anstrengung auf sich zu nehmen, aber von anderen Figuren (& Kritiker*innen) dennoch als abnormal, ja gefährlich verurteilt wird, illustriert effektiv die Notwendigkeit des sozialen Modells von Behinderung: Wer ist hier das Problem —— die Person, die konkrete Anweisungen braucht, um die Erwartungen anderer zu erfüllen, oder diejenigen, die sie verurteilen dafür, dass sie diese Hilfestellung braucht? Es ist ein zentraler Teil meiner Lebenserfahrung, den ich noch wie so treffend habe repräsen­tiert gesehen: Man scheitert an den Erwartungen anderer, stößt auf Ablehnung, weil diese Erwartungen nie ausformuliert wurden; aber das bloße Nachfragen, der Wunsch nach konkreten Instruktionen, wird als weiterer Regelbruch gewertet, als weitere Enttäuschung der Erwartungen.

Wenn es Horror gibt in Convenience Store Woman, dann steckt er nicht in Gedanken, sondern Keikos hierin; Keiko funktioniert anders als andere Menschen; für die gesamte Dauer des Romans tut sie nichts, was irgendjemandem Schaden zufügen würde —— doch die pure Fremdartigkeit ihrer Gedanken löst in anderen Figuren eine persönliche Kränkung aus. Es ist eine irrationale Reaktion, ein Zeichen von Unsicherheit —— aber weil diese Figuren in ihrer Welt die Deutungshoheit haben, ist es Keiko, die verurteilt wird.

Aber Conveniece Store Woman ist am Ende empowering, gerade weil es die Deutungshoheit letztlich Keiko gibt: Murata filtert die neurotypische Welt durch Keikos Gedanken; ihre Charakterisierung ist so präzise & konsistent, Keikos Art zu denken in sich so schlüssig, dass, ist man als Leser*in bereit, sich in Keikos Art zu denken einzuarbeiten, eine Umkehrung der Definitionen entsteht: Murata arbeitet so die Beliebigkeit von Unterteilungen wie »normal« & »abnormal«. Aus Keikos Perspektive wirken die neurotypischen Menschen nie eine fremde Spezies, mit eigenartigen Bräuchen, deren Sinn sich nicht durch Beobachtung erschließt —— Temple Grandis Bild der »Anthropologin auf dem Mars« kommt in den Sinn. Doch wer hinsieht, sieht eben auch Keikos aufrichtige Versuche, zu verstehen.

Wahrscheinlich ist Convenience Store Woman ein forderndes Buch für nemotypische Leser*innen —— aber vielleicht ist es gerade deshalb den Versuch wert: Wer weiß, vielleicht lernt ihr etwas —— über eine euch fremde Art zu denken, über die Beliebigkeit eurer ungeschriebenen Regeln, über, ja: Empathie.


Muratas Nachfolger, Earthlings, wirkt wie eine Herausforderung; an Menschen wie mich: Keiko war euch nicht fremdartig genug, ihre Gedanken nicht ausreichend verstörend, scheint das Buch zu sagen, dann schaut, wie ihr hiermit zurechtkommt. Aber auch wie eine Herausforderung an die Reviewer, denen Keiko so fremd war: Wenn ihr Keiko schon verurteilt, ihr die Chance verweigert, akzeptiert und verstanden zu werden - dann auch richtig, dann kann Murata euch diesmal wenigstens ein paar echte Gründe liefern, verstört & befremdet zu sein.

Auch in Earthlings geht es Murata darum, das Fremde, Inkonsistente und Beliebige in der sogenannten »Normalität« herauszuarbeiten —— nur bedient sie sich diesmal deutlich…brachialer Mittel.

Das Bild der Anthropologin auf einem fremden Planeten wird hier noch expliziter beschworen: Heldin Natsuki sieht sich als Außerirdsiche, gestrandet auf der Erde; sie schaut mit einem ähnlichen, befremdet-interessierten Blick auf die Welt und die Menschen wie Keiko —— wird dafür allerdings noch härter bestraft: Ihre Eltern machen keine Anstalten, ihre Enttäuschung zu verstecken; ein Lehrer nutzt ihr Bedürfnis, Erwartungen zu erfüllen, aus, missbraucht Natsuki, und ihre Versuche, darüber zu reden, stoßen nur auf mehr Unverständnis. Bei einem Familienausflug schläft sie mit ihrem Cousin, ein vielleicht fehlgeleiteter Akt der Selbsttheapie, ein Versuch, der traumatischen Erfahrung eine positive ent­gegenzusetzen. Anstatt zu versuchen, zu verstehen, arbeitet ihre Familie daran, die Scham zu vertuschen, und für eine Weile funktioniert das: Natsuki wird erwachsen, findet einen Mann, den sie nicht liebt, aber mit dem sie sich arrangiert - beide leben mit Traumata, beide wollen eine Beziehung, die nach außen das Minimum an »Normalität« projiziert, aber in der sie nicht gezwungen sind, dem anderen gegenüber eine echte Beziehung zu performen. Doch als Natsuki als Erwachsene wieder auf ihren Cousin trifft, triggert das einen Prozess der Entfremdung, des Hinterfragens wirklich aller Normen und Regeln der »Factory«, wie Natsuki die normale” Gesell­schaft nennt. Natsuki, ihr Mann & ihr Cousin gründen eine kleine Gemeinschaft aus Außenseitern; ihre Rebellion gegen Normalität, ihr Neudenken der Regeln, führt zu manch schockierender Entwicklung, bis hin zu Mord, Nekophilie & Kannibalismus.

Earthlings ist kein einfaches Buch, selbst für mich nicht, nachdem ich mich so in Concurrence Store Woman wiedergefunden hatte. Muratas Lust an der Provo­kation geht schon in Richtung Edgelord, & die zweite Hälfte des Romans ist etwas ermüdend in ihrer Explosion aus »Regelbrüchen«. Es fühlt sich an, wie eine Art Test: Nachdem sie in der ersten Hälfte erneut enorme Identifikation & Empathie in mir für ihre Hauptfigur aufbaute, schien Murata in dieser zweiten Hälfte zu fragen, wie hart ich zu arbeiten bereit bin, um diese Empathie aufrechtzuerhalten.

Und es war Arbeit. Was aber hilft, ist erneut Muratas meisterhafte Charakterisierung und Kontrolle über die Erzählstimme. So schockierend einige Entwicklungen sind, Murata ist gut darin, Natsukis Denkweise nachvollzieh­bar zu machen —— das, obwohl sie vehement auf jedes Psychologisieren ver­zichtet. Die Welt, die Natsuki sich aufbaut, ist befremdlich, aber dem voran geht eine Entfremdung, Natsukis und des Lesers, von der »normalen« Welt. In dieser normalen Welt war kein Platz für Natsuki, lange bevor ihre »Abnormalitäten« für sie oder irgendwen gefährlich wurden; wie überraschend ist es, dass sie irgendwann die Perspektive verliert, was wirklich gefährlich & was nur ungewöhnlich ist?

Earthlings funktioniert als Companion Piece zu Convenience Store Woman: Wo Keiko am Ende einen Ort für sich fand, in den sie passt, in dessen Kontext sie »funktioniert«, bleibt Natsuki heimatlos; das resultierende Trauma verstärkt nur ihre Entfremdung, ihre Dysfunktion, und als sie endlich die Chance hat, sich selbst einen solchen Ort zu erschaffen, ist der ein Ausdruck dieses lebenslangen Entfremdungsprozesses und ihrer akkumulierten Traumata.1 Earthlings ist, verglichen mit dem eher geerdeten Convenience Store Woman, ziemlich, nun, drüber; Murata hat einen »Everything but the kitchen sink«-Ansatz, was Tabubrüche angeht, und das Ergebnis ist laut, abgefuckt, brachial komisch & schockierend. Aber unter all dem liegt auch eine tiefe Traurigkeit, ein aufrichtiges Mitgefühl für die Natsukis dieser Welt, die sich fremd fühlen auf einem Planeten, der keinen Platz für sie zu haben scheint —— am Ende ist Earthlings also eine weitere Lektion in Sachen Empathie.


  1. Hey, nur weil die Autorin auf Psychologisieren verzichtet, muss ich das nicht tun!↩︎