Daddy Issues & Traumata in Black Widow & im MCU

July 19, 2021 film essay kritik marvel mcu kino text

Das Marvel Cinematic Universe liebt seine schlechten Väter. Von Tony Starks genialem, aber gefühlskalten Science-Daddy über Starlord & seine gleich zwei enttäuschenden Vaterfiguren zum Missbrauch, dem Nebula & Gamora durch ihren Ziehvater Thanos ausgesetzt waren; selbst buchstäbliche Götter kommen nicht ohne Daddy Issues davon: Thor & Loki kämpfen vergeblich um die Gunst von Göttervater Odin, zwei kosmische Übermenschen, so reduziert auf kleine, kabbelnde Jungs.

& das MCU liebt es, diese schlechten Väter, zu unterschiedlichem Grade, zu rehabilitieren: Tony Stark kiegt in Endgame seinen moment of closure mit seinem Vater, wenn auch bei einer Zeitreise in die Vergangenheit, & er lernt, selbst ein besserer Vater-Ersatz für Peter Parker zu sein; genau wie Scott Lang, aka Ant-Man, vom Taugenichts zum verantwortungs­vollen Vater wird, während Hank Pym, der ältere Ant-Man, lernt, seine Tochter wie die Erwachsene zu behandeln, die sie mittlerweile ist.

Das ist alles erstmal weder gut noch schlecht, eigentlich nichtmal besonders bemerkens­wert — es ist halt, was Marvel tut: Sie identifizieren, was funktioniert, & dann tun sie es wieder & wieder, integrieren es in ihre immer spezifischer & rigider werdende Erfolgsformel.

Doch auch einige der interessantesten Momente des MCU in den letzten Jahren spielten mit diesem erzählerischen Trope. Guardians of the Galaxy Vol. 2 war wohl der letzte Wirklich Gute Film des MCU, unter anderem, weil Regisseur & Autor James Gunn die verschiedenen Vater-Kind-Beziehungen des Films mit mehr Tiefe & Vielschichtigkeit ausarbeitete als vom Marvel-Universum gewohnt. Gunn kontrastierte Peter Quills Beziehung mit seinem leiblichen Vater, Ego the Living Planet, mit der zu seinem Ziehvater, Yondu. Beide waren enttäuschende Vaterfiguren, beide Beziehungen waren von Vernachlässigung & Missbrauch geprägt. Aber während Yondu am Ende eine Art von Vergebung erfährt, sagt Peter sich von seinem leiblichen Vater los: Anders als so oft im MCU behandelte Gunn die Rehabilitierung einer Vaterfigur eben nicht als obligatorisch, als Teil einer Formel, sondern arbeitete heraus, was nötig ist, damit Vergebung & Versöhnung möglich wird. Wir sehen Yondu im Film wachsen & Verantwortung übernehmen, & wenn er sich am Ende opfert, um seinen Ziehsohn zu retten, ist das cheesy — »[Ego] may have been your father, but he wasn’t your Daddy.« —, aber es ist Cheese, den der Film sich verdient hat. Gunn kombinierte das auch effektiv mit der Aufgabe der Guardians, plötzlich selbst eine Art Ziehfamilie für »Baby Groot« sein zu müssen, & alles in allem kaufte man Gunn tatsächlich ab, dass er hier, im Rahmen der Möglichkeiten eines Mainstream-Blockbusters, etwas über Elternschaft, über leibliche und Wahlfamilien, über erzieherische Verfehlungen und ihre Aufarbeitung sagen wollte.

Ein Ausreißer in die andere Richtung ist Thanos’ Beziehung zu seinen Ziehtöchtern Gamora & Nebula, Teil des einigermaßen verzweifelten Versuchs der Russo-Brüder, Vielschichtigkeit & Ambivalenz in einem letztlich ziemlich eindimensionalen, cartoonigen Villain zu suggerieren. Um den Soul Stone, einen der magischen Infinity Stones, zu erlangen, muss Thanos etwas opfern, das er liebt, & er opfert seine »Tochter« Gamora. Das funktioniert — Thanos erhält den Soul Stone, & damit den objektiven Beweis durch das »Universum« oder welche kosmische Macht auch immer es lenkt, dass seine »Liebe« für die Tochter, die er als Kind entführt, misshandelt & effektiv versklavt hat, echt ist. In einem späteren Moment, in Endgame, fragt die aus der Vergangenheit gereiste Gamora Thanos, ob sein Plan, die Infinity Stones zu erlangen, erfolgreich war, & was es gekostet habe. »Everything!«, antwortet Thanos mit einigem Pathos, & offensichtlich ist die intendierte Reaktion hier, dass wir, für einen Moment, mit Thanos mitfühlen, weil er seine Tochter »verloren« hat. Ich will eigentlich nicht zu moralisie­rend werden, aber Maggie Mae Fish hat nicht Unrecht, wenn sie sagt, dass diese Filme für 12jährige sind, & dass der*die ein oder andere von ihnen den Film mit einer Elternfigur sehen könnte, die ihn*sie missbraucht. Das muss nicht heißen, dass Missbrauch & Trauma keinen Platz im MCU haben dürfen, aber vielleicht ist es für diese Art Film nicht ganz die richtige Botschaft, dass ein Akt des Missbrauchs gleichzeitig ein Liebesbeweis sein kann.

Black Widow versucht mit seinem prominenten Fokus auf die dysfunktionale Familie der Titelheldin, besonders ihre Beziehung zu ihrem Vater, vielleicht, in eine ähnliche Richtung zu gehen wie Guardians 2, aber er landet am Ende näher an Thanos & Gamora. Der Film spielt zwischen Civil War & Infinity War, das heißt: Die Avengers sind zerstritten, Natasha Romanoff wird von S.H.I.E.L.D. gesucht; sie taucht ab in Russland, wo sie sich mit ihrer Schwester Yelena Belova & später mit ihren einstigen, kurzzeitigen Zieheltern verbündet, um den »Red Room« zu bekämpfen, die Organisation, für die ihre Zieheltern arbeiteten & an die sie die beiden Mädchen letztlich abgegeben haben. Mädchen, allesamt wie Natasha & Yelena gewaltsam von ihren leiblichen Eltern getrennt, werden dort zu »Widows« erzogen, tödliche Kampfmaschinen im Dienste des Supervillains Dreykov; die »Erziehung« beinhaltet, neben Konditionierung & Gefügigmachen mittels magischer Comic-Science, auch eine Zwangssterilisation.

Letzteres erfuhren wir zum ersten Mal in Avengers: Age of Ultron, & man muss Regisseurin Cate Shortland & ihren Autor*innen wohl zugestehen, dass sie hier eine undankbare Aufgabe hatten: Die Offenbarung von Natashas Vergangenheit in Ultron war eine der kontroverseren erzählerischen Entscheidungen der Whedon-Jahre des MCU, in den Augen vieler ein billiges, unnötig düsteres & gegendertes Mittel, der Figur angebliche Tiefe zu geben. Shortland soll nun tiefer in die Vergangen­heit der Figur eintauchen, & muss sich so fast zwangsläufig mit diesem Aspekt beschäftigen, aber gleichzeitig noch irgendwie einen, nun, Marvel-Film machen, mit der erwarteten tonalen Mischung aus Action, Humor & eher leichtem Drama, & der bekannten Formel mit ihrem mehr oder weniger vorgegebenen Pacing folgend.

& genau das wird Shortlands Film zum Verhängnis: Der Inhalt stößt hier an die Grenzen der Form, es entsteht eine unangenehme, unfreiwillig desorientierende Dissonanz. Natashas & Jelenas Behandlung durch den Vater fällt klar in die Kategorie »Missbrauch«, doch Shortland erzählt die Geschichte der erneuten Annäherung & Versöhnung in einem Ton, der suggeriert, der Vater wäre lediglich ein Bisschen emotional abwesend gewesen. Natasha & Yelena befreien ihren Vater Alexei, den einstigen »Red Guardian« — die sowjetische Antwort auf Captain America —, aus dem Gefängnis, um von ihm zu erfahren, wo Dreykov mittlerweile den Red Room betreibt. Im ersten Schlagabtausch der Heldinnen mit ihrem Ziehvater gibt es ein paar Referenzen an die Gewalt, die sie wegen ihm erfahren mussten: Alexei haut einen chauvinistischen »time of the month«-Spruch raus, woraufhin Yelena entgeht, ohne Uterus bekomme sie ihre Tage nicht mehr. Der Ton ist hier aber eher ein »Ugh, Männer!«-Augenrollen — wir bekommen kein Gefühl dafür, was diese Erfahrungen mit Natasha & Yelena gemacht haben, was das Wiedersehen mit Alexei emotional in ihnen auslöst.

Wir sehen auch nie, dass sich in Alexei etwas verändert — ja, der Film suggeriert, dass es das gar nicht muss. Anders als Yondu in Guardians, der ja auch von Anfang an seine charmanten Seiten hatte, aber eben nicht nur solche, wirkt Alexei nie wirklich gefährlich, gewalttätig; von dem Moment an, in dem er, nach dem Prolog, wieder in den Film tritt, wird er als etwas grobschlächtiger & einfältiger, aber im Grunde herzensguter großer Junge inszeniert. Wir sehen ihn nie wirklich durch die Augen seiner Töchter, ja, der Film macht es uns fast leichter, mit ihm mitzufühlen — Er meint es doch gut! Er kann doch nichts dafür, dass er nicht mit Feingefühl gesegnet ist!« — als mit Natasha & Yelena. Wie er seine Töchter letztlich »rumkriegt« ist dann auch kein Beweis, dass er sich verändert hat, sondern, wenn man so will, einer, dass sie ihm, ein Stück weit, Unrecht getan haben: Alexei singt Yelenas Lieblingslied aus der kurzen Zeit, in der die vier eine glückliche Familie in Ohio gespielt haben, zeigt so, dass das Familienleben für ihn — anders, als Yelena es ihm vorge­worfen hatte — doch »echt« war. Aber das negiert nicht den Missbrauch, den Alexei ihr & ihre Schwester (noch nach dieser Phase als »glückliche Familie«!) angetan hat, es rechtfertigt ihn nicht, es ist keine Wiedergutmachung & keine Aufarbeitung.1

Marvel-Filme, das ist mir schon klar, setzen sich nicht primär zur Aufgabe, Missbrauch oder Trauma zu konfrontieren, & ich schaue sie auch nicht mit dieser Erwartungshaltung; wegen mir könnte Marvel ruhig ganz darauf verzichten, alles zu thematisieren, was tiefer geht als »Mein Papa war nie so recht für mich da«. Aber man kann in letzter Zeit eben vermehrt beobachten, wie das MCU, seine Regisseur*innen & Autor*innen versuchen, über »das, was funktioniert« hinauszugehen, & Themen wie Missbrauch & Trauma als das zu benennen, was sie sind, & mit einer gewissen psychologischen Komplexität zu behandeln: vom weltweiten Trauma, das Thanos’ »Snap« ausgelöst hat, über Wanda Maximoffs von Flucht & Verlust geprägte Familien­geschichte bis eben jetzt zu Natasha Romanoff & dem Missbrauch, den sie erfahren musste. & langsam will man Marvel dann doch zurufen: Wenn, dann auch richtig! Wenn man sich an diese Themen wagt, dann auch mit der Ambition, sie einigermaßen respektvoll & glaubhaft zu behandeln. Stattdessen ordnet das MCU sie am Ende immer wieder seiner unterkomplexen Erfolgsformel unter; wie Emily VanDerWerff anmerkt landete selbst das (für Marvel-Verhältnisse) zunächst zaghaft experimentelle WandaVision im Dienste eines möglichst spektakulären Showdown am Ende bei der Idee, dass man seine Traumata buchstäblich »bekämpfen« kann. Marvel-Filme zeigen die Bewältigung & Vergebung von Traumata oft als allzu einfach, schmerzlos, ja selbstverständlich, & gerade, wenn es um familiäre Traumata & Missbrauch innerhalb familiärer Konstrukte geht, spielt das auch in ein veraltetes Familienbild: Die Familieneinheit ist am Ende schicksalshaft, alternativlos.

Dass es durchaus anders geht, hat Gunn mit Guardians 2 gezeigt. & so unpassend das MCU zunächst als Bühne für solche Geschichten scheint, einen Vorteil hat es: Ein Marvel-Film kann problemlos damit davonkommen, einzelne Arcs unaufgelöst zu lassen — es weiß ja jede*r, dass der nächste Film kommen wird & es nicht dabei bleiben muss, wir haben längst gelernt, mit Cliffhangern & unfertigen Handlungssträngen zu leben. Black Widow hätte auch einen Schritt in der Heilung der Romanoff/Belova-Familie markieren können, anstatt sie am Ende als eine unkonventionelle, aber glückliche Familieneinheit dastehen zu lassen. So ist es ein Film, der das Bewältigen von Traumata, Vergebung & Wiedergutmachung nicht als den komplexen, langwierigen Prozess zeigt, der es ist, sondern als einen Punkt auf einer Checklist, abgehakt im Vorbeigehen zwischen popfeministischen One-Linern & durchgetakteten Actionbeats.


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  1. Ich konzentriere mich hier auf die Beziehung der beiden zu ihrem Vater zum einen, weil das Motiv der enttäuschenden Vaterfiguren im MCU stärker präsent ist, zum anderen aber auch, weil die Beziehung zu Mutter Melina, wie der Film sie erzählt, schlicht…seltsam ist. Sie wird als das eigentliche Mastermind der Familie dargestellt, so tief involviert in und essenziell für Dreykovs kriminelle Operation, dass es schlicht nicht glaubhaft ist, dass Natasha & Yelena ihr jemals vergeben werden — aber irgendwie gleichzeitig auch als weiteres Opfer von Dreykov und, ein Stück weit, von Alexei, jedenfalls stimmt sie in kürzester Zeit in das allgemeine Augenrollen über ihn mit ein. Der ganze Arc ihrer Figur & ihrer Beziehung zu ihren Töchtern wirkt seltsam beschnitten, zu Tode gefocusgroupt oder im Schnitt verstümmelt. Ich könnte mir auch vorstellen, dass ein früheres Draft des Skripts existiert, das Melina als den eigentlichen Villain, die Puppenspielerin hinter (dem ziemlich egalen) Dreykov offenbart — was Black Widow gleich zu einem besseren Film machen würde, auch, weil dann eben nicht alle Elternfiguren des Films als Selbstverständlichkeit rehabilitiert würden.↩︎