Call of the Wild: Ein Hund namens Beethoven, aber pro Eugenik

January 27, 2021 text film kritik review call of the wild

Nehmt Ein Hund Namens Beethoven, versetzt die Handlung ins späte 19. Jahrhundert, & gebt eine wenig verschleierte Pro-Eugenik-Botschaft dazu: Dann habt ihr eine ungefähre Vorstellung davon, wie bizarr die neuste Verfilmung von Jack Londons Call of the Wild ist.

Londons Roman war schon immer eine eklige Wichsfantasie für selbst erklärte »Alpha-Männer«; aber den narrativen & ideologischen Inhalt der Vorlage in die Form eines teil-animierten Abenteuerfilms »für die ganze Familie« zu zwängen erzeugt eine bizarre kognitive Dissonanz; das Ergebnis wäre geradezu gefährlich, wenn sich irgend­jemand für diesen Film interessiert hätte. Buck, der CGI-animierte Bernhardiner (oder so), der die Hauptrolle spielt & uns alle schon im Trailer amüsiert/gegruselt hat, ist bei weitem nicht das bizarrste Element dieses Films.

Nicht falsch verstehen: Buck lebt mitten im Uncanny Valley, & man gewöhnt sich für die gesamte Laufzeit des Films nicht an ihn; er wird nur gruseliger durch die beinahe menschliche Mimik, die Regisseur Chris Sanders & seine Animatoren ihm geben. Aber was wirklich irritiert, was diesen Film zu einer so unangenehmen Erfahrung macht, ist sein konfuser Ton: Der Slapstick & die cutesy Reaction-Shots eines aggressiv harmlosen Familienfilms wechseln sich ab mit Watership-Down scher Düsternis, & beides wird kommentiert von einem Voice-Over, gesprochen von Harrison Ford, der die kernig-ökonomische Sprache & Macho-Philosophie der Vorlage reproduziert. Der Film erzählt von Bucks schrittweiser Rück-Evolution zum wilden Tier, dem Wiedererwachen seiner tierischen Instinkte; zu Beginn des Films lebt er als Haustier bei wohlhabenden Besitzern, später wird er Schlittenhund, dann Harrison Fonds Begleiter auf einem Abenteuer in der unentdeckten Wildnis; schließlich findet er seine neue Heimat als »Alpha« eines Rudels Wölfe - ein finaler Voice-Over erklärt uns, dass seine Paarung mit einer Wölfin eine Art wölfische Herren­rasse kreiert, furchtlos & unbezwingbar. Ich will nicht zu laut den »Denkt denn niemand an die Kinder!?«-Alarm schlagen, aber ich würde mit meinen Kindern schon eher die ungeschnittene Version von Caligula gucken als diese Übermensch-1Fantasie.

Immerhin amüsant ist, wie jede Figur selbstverständlich mit Buck redet, als wäre er ein Mensch. Das ist natürlich ein Trope dieser Art Familienfilm, aber in Kombination mit dem oft gar nicht kindgerechten Inhalt hat es eine unfreiwillige Komik, wie wenn Oma Sy einen dieser homoero­tischen Schwanzvergleiche, die in der einen Community-Folge mit Anthony Michael Hall so treffend parodiert wurden, mit einem CGI-Bernhardiner austrägt.

Ich weiß nicht, warum ich es für nötig hielt, über diesen ja gnädigerweise schon halb vergessenen Film zu schreiben. Vielleicht, weil es mich beschäftigt, für wen dieser Film bitte gemacht ist, wie er entstanden ist - war geplant, einen »erwachse­nen« Film zu machen, & dann fiel irgendeinem Executive auf, dass da ja ein Hund vorkommt & man die Chance nicht verstreichen lassen darf, mit ein Bisschen Slapstick & Vermenschlichung das Familienpublikum anzusprechen? Vielleicht will ich mich aber auch einfach selbst vergewissern, dass ich diesen Film wirklich gesehen habe: Es bestünde ohne dieses Dokument die Gefahr, dass ich mich in ein paar Jahren oder, ach, Wochen zurückerinnere & das ganze für einen Fieber­traum hatte, so absolut bizarr &, ja, uncanny ist die Er­fahrung, Call of the Wild zu gucken.


  1. Überhund?↩︎