Amazon-Propaganda & Armutscosplay: Wie Nomadland seine Protagonist*innen (& seine Vorlage) verrät

March 9, 2021 film review kritik kino chloe zhao frances mcdormand Text

 »Realismus« & »Wahrheit« in Fiktion sind zwei unterschiedliche Dinge. Es ist eine dieser leicht prätentiösen Phasen, die Kritiker*innen, Cineast& prätentiöse Douchebags aller Art gerne sagen, um, sagen wir, die Existenz von »Plotlöchern« zu rechtfertigen oder so. Dass es aber eben mehr ist als eine Phrase, nun, um sich davon zu überzeugen muss man nur Chloé Zhaos Nomadland schauen. Zhao legt Wert auf »Authentizität« & »Realismus«: Sie dreht an Originalschauplätzen, mit Laiendarsteller*innen, die Versionen ihrer selbst spielen. Das funktioniert durchaus: Nomadland hat eine Textur aus Authentizität, die fast schon ins Dokumentarische geht. Aber an Wahrheit gelangt Zhao mit diesem Ansatz nicht immer, & man kann argumentieren, dass gerade dieses Pseudo-Dokumentarische eher noch dazu beiträgt, die Wahrheit zu verschleiern.

Machen wir das etwas anschaulicher: Wenn ich einen Film machen will, der irgendeine Art von Wahrheit über die Arbeit in einem Amazon-Warenhaus vermittelt, wo ist dann der absolut letzte Ort, an dem ich drehen sollte? Wenn ihr geantwortet habt, »ein Amazon-Warenhaus«, dann Gratulation: Ihr seid selbst auf bestem Weg zum prätentiösen Cineastentum! Es dürfte eine der bizarrsten, fehlgeleitetsten Entscheidungen sein, die wir dieses Jahr im »Kino« zu sehen bekommen werden: Zhao verfilmt hier ein Nonfiction-Buch von Jessica Bruder, das unter anderem dadurch Aufsehen erregte, dass es einen Einblick in die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen bei Amazon gab —— & sie fragte erstmal bei Amazon an, ob sie, ganz offiziell & angekündigt, in einem echten Warenhaus des Konzerns drehen darf? Man muss sich als Regisseurin doch bewusst sein, dass, egal wie »echt« das »Szenenbild« in diesem Warenhaus aussieht, am Ende nichts dabei herauskommen kann außer ein Stück Firmen-Propaganda, oder?

Die Arbeit im Amazon-Warenhaus, so, wie Nomadland sie zeigt, ist…eigentlich ganz okay? Die Vorarbeiterin beginnt den Tag mit einer kleinen, motivierenden Rede; Frances McDormands Fern witzelt während der Schicht mit Kolleginnen, alle haben eine entspannte Mittagspause miteinander. Die enorme körperliche, oft gesundheitsgefährdende Belastung, der Stress, der Druck, »Fulfilment«-Kontingente zu erfüllen —— alles in der Vorlage dargelegt ——, davon sehen wir nichts. Eine alte Freundin fragt Fern einmal, wie ihr der Job bei Amazon gefällt, & sie antwortet, »It’s good money« —— wie »gut« das Geld ist, das man in diesem Job verdient, darüber lässt sich mindestens streiten.

Der Job bei Amazon ist nur eine Station auf Ferns Reise; nach der Schließung der Fabrik, in der sie gearbeitet hat —— noch so ein Touch von Authentizität —— entscheidet sich die verwitwete Fern für ein Leben als »van dweller«; auf ihren Reisen lernt sie andere Nomad*innen kennen, die kurzzeitig in ihr Leben —— und den Film —— driften, um dann wieder für eine Weile zu verschwinden; gespielt werden sie größtenteils von echten »van dwellers«, als (sanft) fiktionalisierte Versionen ihrer selbst.

Aber auch, wenn der Film mal nicht aktiv PR für Jeff Bezos leistet, bleibt das Kernproblem bestehen: Nomadland suggeriert Authentizität, liefert sie auch ein Stück weit; aber das macht das, was der Film auslässt, nur eklatanter. Nomadland inszeniert das Leben als Van-Dweller als Aufbegehren & Ausstiegsfantasie & macht Lippenbekenntnisse Richtung Kapitalismuskritik, wie wenn er Bob Wells, eine Größe in der Szene & Organisator eines jährlichen Zusammentreffens von Nomad*innen, seine Philosophie erklären lässt: Er sehe den Kapitalismus als die Titanic, sein Informieren über den Van-Dweller-Lebensstil als den Versuch, möglichst viele Menschen rechtzeitig in die »Rettungsboote« zu bringen. Dabei blendet der Film aber weitestgehend aus, welche Opfer die Van-Dweller bringen müssen, welche Steine ihnen in den Weg gelegt werden. David Strathairns Dave, die eine andere größere Figur, die von einem professionellen Schauspieler gespielt wird, muss im Laufe des Films für eine Not-OP ins Krankenhaus, &… das war’s? Jemand ohne festen Wohnsitz muss in den USA ins Krankenhaus & kriegt ohne Anstalten die Versorgung, die er braucht, offenbar ohne dass er sich für den Rest seines Lebens verschulden muss?

Nomadland räumt mehr Platz ein für die Kriterien bei der Wahl des richtigen Eimers, in den man als Van-Dweller scheißt, als für, sagen wir, die »10 commandments of wild parking«, die Bob Wells ankündigt, aber die wir nie hören —— dafür, was passiert, wenn ein radikal alternativer Lebensstil auf die Regeln & Normen der kapitalistischen Gesellschaft trifft. Mit diesem Kontext machen all die Marker von »Realismus« & »Authentizität« den Film nur verlogener. Die Laiendarsteller*innen, die Einstellungen, die sie, obwohl sie mit Fern reden, oft framen, als würden sie für eine Dokumentation interviewt, die Originalschauplätze, das natürliche Licht & Colorgrading —— all das kommuniziert: Das hier ist, zu einem gewissen Grad, echt —— wenn nicht buchstäblich dokumentarisch, so doch mit einer gewissen Ehrlichkeit & Sorgfalt behandelt, dramatisiert, aber eben so, dass es theoretisch so passieren könnte. Effektiv kommuniziert Nomadland so also auch: Das hier ist nah daran, wie es wirklich ist im Warenhaus bei Amazon, im Krankenhaus als US-Bürgerin ohne festen Wohnsitz.

Ich glaube nicht, dass das irgendjemandes Intention war. Nomadland wirkt schlicht wie zwei separate Ideen, die aus bloßer Notwendigkeit zu einem Ganzen verbunden wurden, dass weniger ist als die Summe seiner Einzelteile. Das eine ist, nun, ein Chloé-Zhao-Film, der mit den bekannten Stilmitteln der Regisseurin & basierend auf sorgfältiger Recherche eine Subkultur porträtiert; das andere ist ein Selbstfindungdrama mit Frances McDormand, das für sich genommen auch funktionieren könnte, aber ebenfalls unter dieser Zweck-Heirat leidet: Alle Figuren & ihre Geschichten sind interessanter als Fern, nicht zuletzt, weil eben echte Menschen & Schicksale dahinterstecken; McDormand ist eine große Schauspielerin, aber in diesem Kontext wirkt sie nur wie ein reicher Hollywood-Star im Armutscosplay.

Liest man sich ein wenig in die Entstehungsgeschichte des Films ein, scheinen hier wirklich zwei kreative Stimmen vergeblich versucht zu haben, eine gemeinsame Sprache zu finden: McDormand ist eine Produzentin des Films, sie hatte die Rechte an der Buchvorlage & realisiert mit Fern eine persönliche Ausstiegsfantasie; sie war es auch, die die Drehgenehmigung bei Amazon angefragt hat.

Aber am Ende sind solche Erklärungen nebensächlich, & ich kann nur das bewerten, was ich sehe. Nomadland ist ein Film, in den eine Menge Recherchearbeit & Kunst­fertigkeit geflossen ist, dessen Regisseurin offensichtlich ehrliches Interesse an & Respekt für ihre realen Protagonist*innen hat —— aber der diese letztlich dennoch verrät: Er instrumentalisiert sie & ihre Geschichten, um die romantisierte Aussteigerfantasie seiner Hauptdarstellerin ein Stück authentischer aussehen zu lassen; er missbraucht Fragmente von Realität —— und, nicht zu vergessen, die Arbeit einer Journalistin ——, um seine Lüge glaubhafter zu machen. Aber eine gut erzählte Lüge bleibt eine Lüge, ist wenn überhaupt sogar gefährlicher.


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