Man kann Stigmatisierung nicht mit Stigmatisierung bekämpfen (oder: Ich flehe euch absolut an, reißt euch zusammen beim Thema »Affenpocken«)

»So viel zum Thema Eigenverantwortung🙄«, schreiben, leicht variiert, dutzende User*innen über den Post. Ich weiß nicht, ob sie glauben, damit eine originelle oder pointierte Beobachtung zu liefern, oder ob ihnen klar ist, dass sie lediglich ein Meme reproduzieren, ein Klischee erfüllen. Worüber ich mir sicher bin, ist, dass sie sehr überzeugt sind, zu den Schlauen, den »Guten« zu gehören: denen, die es eben doch ernst meinen mit Eigenverantwortung, denen, die, auch so ein Schlagwort mittlerweile, Empathie haben, denen ihre Mitmenschen nicht egal sind.

»Unverantwortlich« sind die anderen, ist zum Beispiel die Person auf dem Foto: jemand mit einem sichtbaren Hautausschlag, der in Spanien U-Bahn gefahren ist. Mehr verlässliche Informationen über die Person haben wir nicht, aber hey, irgendein Rando auf Twitter hat behauptet, dass er ein Gespräch mit der Person geführt hätte, in dem sie bestätigt hätte, dass es sich um Affenpocken handelt, und dann hat Chris Turnbull, jemand der seit 2,5 Jahren hauptberuflich völlig überzogene Panik wichtige Informationen über Covid-19 verbreitet, es retweetet, und das reicht uns.

Klar, normalerweise kommentieren wir die banalsten Anekdoten auf Twitter mit »G’schichten aus’m Paulanergarten« und »…und dann haben alle geklatscht«, aber wir wissen doch wie die Leute sind, das hier macht einfach Sinn für uns, wir würden Falschinformationen erkennen, wenn wir sie sehen, Falschinformationen sind, was die anderen verbreiten. Und im Zweifelsfall, wenn es sich doch als Fake herausstellen sollte, können wir noch immer die Get-out-of-jail-free-card jedes Twitter-Libs spielen, indem wir schreiben: Allein, dass es so viele geglaubt haben, sagt doch was aus über die Menschheit!

Brechen wir mal herunter, was wahr sein müsste, damit die Geschichte, die der spanische Arzt Arturo M Henriques auf Twitter erzählt hat, so stimmen könnte:

  1. Jemand muss an Affenpocken infiziert sein. Das ist jetzt nicht absurd, die Fälle steigen, aber auf die Gesamtbevölkerung gemessen sind es noch nicht viele — in Spanien, wo diese Geschichte passiert sein soll, ungefähr 5000, bei einer Bevölkerung von 47 Millionen. Es muss außerdem ein Fall sein, bei dem die Infektion a) sichtbar, aber b) nicht übermäßig schmerzhaft ist, die Person kann ja offenbar noch relativ unbeschwert U-Bahn fahren. Schon etwas unwahrscheinlicher, aber natürlich möglich.
  2. Die erkrankte Person muss zufällig gleichzeitig U-Bahn fahren mit und in der Nähe stehen von einem Arzt, der überdurchschnittlich viel über Affenpocken weiß (er identifiziert die Krankheit etwa als »auf dem Höhepunkt der Ansteckung« [Google-Übersetzung]).
  3. Dieser Arzt muss die Affenpocken aus der Distanz korrekt visuell diagnostizieren. Spätestens hier wird es einigermaßen unwahrscheinlich, denn der Ausschlag, der durch Affenpocken verursacht wird, ist visuell eigentlich nicht so klar von dem durch manch andere Hautkrankheiten verursachten zu unterscheiden.
  4. Die erkrankte Person muss, wie der Twitter-User weiter erklärt, bereits einen Arzt aufgesucht haben, der korrekt Affenpocken diagnostiziert hat — und der Person erklärt hat, dass nur schwule Männer Affenpocken bekommen können, und der Person versichert hat, dass keine Quarantäne nötig ist. Außerdem habe der Arzt empfohlen, wegen der Affenpocken eine Maske zu tragen — obwohl er ja offenbar nicht daran glaubt, dass die Krankheit auf anderem Wege als beim Sex zwischen Männern übertragen werden kann. Es muss also ein Arzt gewesen sein, der irgendwie gleichzeitig einigermaßen kompetent in der Diagnose der Krankheit ist, und absurde, völlig widersprüchliche Ideen darüber hat, wie sie übertragen wird.

Ich frage: Ist das wirklich wahrscheinlicher, als dass sich jemand halt einfach für Twitter-Clout etwas ausgedacht hat? Oder vielleicht, dass jemand irgendwie das Herz am rechten Fleck hat und das Bewusstsein für die Gefahr durch Affenpocken schärfen will, und sich dafür eine Geschichte ausgedacht hat? Seid ihr wirklich so überzeugt, dass es nicht eine dieser Varianten war, dass ihr euch in eurer Empörung und dem kollektiven Shaming dieser unbekannten Person, an dem ihr euch beteiligt, gerechtfertigt fühlt?

Okay, von mir aus: Nehmen wir mal an, diese Geschichte, die so nie passiert ist, wäre so passiert. Würde das die Reaktion rechtfertigen? Würde es rechtfertigen, ein ohne Zustimmen der Person in der U-Bahn aufgenommenes Foto auf Twitter zu teilen? Würde es rechtfertigen, die Person pauschal zu verurteilen? Oder ist es nicht eher gefährlich, diese Geschichte, mit diesem Foto, zu verbreiten? Könnte das nicht, völlig unabhängig davon, ob diese spezifische Geschichte so stimmt, dazu beitragen, dass ein Stigma entsteht gegen Menschen, die mit sichtbaren Hautkrankheiten in die Öffentlichkeit gehen? Ich zum Beispiel habe Psoriasis, eine völlig ungefährliche, nicht ansteckende Erbkrankheit. Die Gefahr für Menschen, die mit mir in Kontakt kommen, ist gleich 0. Aber während schweren Schüben sieht mein Hautausschlag deutlich schlimmer aus als das da auf dem Foto. Muss ich in Zukunft Angst haben, dass die selbsternannte Affenpocken-Polizei heimlich Fotos von mir schießt, um einen Twitter-Shitstorm gegen mich loszutreten? Hatten wir nicht, damals, am Anfang der Covid-Pandemie, als asiatisch gelesene Menschen in der Öffentlichkeit als angebliche Virenschleudern diffamiert wurden, unsere Erfahrungen damit gemacht, wie schnell es gehen kann, dass Gruppen von Menschen ungerechtfertigt stigmatisiert werden?

Wer ist hier wirklich unverantwortlich: Die Person, die mit einem Hautausschlag, der vielleicht, aber wahrscheinlich nicht von Affenpocken kommt, in der U-Bahn steht? Oder doch diejenigen, die diese Person heimlich fotografieren und dann hundertfach das Foto teilen, jede Skepsis über Bord werfen, die Person verurteilen und die Verdummung der Menschheit beschwören? Die damit implizieren: So sehen Affenpocken aus und so sollte man Menschen behandeln, die die Krankheit haben.

Das absurde ist: Diejenigen, die sich am durch Turnbull losgetretenen Dogpile beteiligen, glauben ja, sie würden hier gegen Stigmatisierung kämpfen. Das ist nämlich der andere Kommentar, mit dem Turnbulls Thread am häufigsten geteilt wird: Varianten von »Hier sieht man, wo die Stigmatisierung homosexueller Männer hinführt!« Denn irgendwie hat sich unter Teilen des »Team Vorsicht« die Idee verbreitet, dass es an sich stigmatisierend wäre, anzuerkennen, dass die bisherigen Affenpocken-Fälle sich überwältigend auf Männer, die Sex mit Männern haben (»MSM«) konzentrieren. Ich sage »irgendwie«, aber eigentlich weiß ich genau, wie es kommt, dass diese Idee Fuß fassen konnte: In über zwei Jahren Covid haben wir uns davon überzeugen lassen, dass Krankheiten eine moralische Qualität haben, dass es ein moralischer Makel ist, krank zu werden und, vor allem, andere mit einer Krankheit anzustecken. Wir sollten bereits aus der AIDS-Krise gelernt haben, wie gefährlich dieses Denken ist: Das Kernproblem der (Nicht-)Reaktion vieler Regierungen war damals nicht die Beobachtung, dass schwule Männer besonders betroffen waren;1 sondern die Schlussfolgerung daraus, dass man deshalb nichts gegen die Krankheit tun müsste, weil diese Menschen es nicht anders verdient hätten.

Und wenn man dieses moralisierende Denken nicht weiter hinterfragt, und dann versucht, es mit seinen anderen Überzeugungen als einer von den Guten zusammenzubringen, entstehen halt solche logischen Ketten:

  1. Es ist ein moralischer Fehlschlag, krank zu werden.
  2. Aber es ist nicht unmoralisch, als Mann Sex mit anderen Männern zu haben.
  3. Wenn beide diese Annahmen wahr sind, und ich dann sage, dass derzeit besonders »MSM« krank werden, sage ich, dass besonders MSM moralisches Fehlverhalten zeigen, und stigmatisiere damit eine Gruppe von Menschen.
  4. Aber ich stigmatisiere keine Gruppen von Menschen, denn ich bin einer von den Schlauen, Guten.

Es gibt ja durchaus eine Gefahr der Stigmatisierung von Männern, die Sex mit Männer haben. Rechte versuchen ja bereits, die Verbreitung von Affenpocken besonders unter dieser Gruppe von Menschen für ihre Narrative zu missbrauchen. Aber die Antwort darauf kann doch nicht sein, die überwältigende Evidenz zu ignorieren, die darauf hindeutet, dass derzeit besonders diese Gruppe von Menschen betroffen ist — und im Zuge dessen notfalls sogar eine andere Gruppe von Menschen zu stigmatisieren, die uns irgendwie egaler ist, hier die mit sichtbaren Hautkrankheiten.

Stattdessen muss die Antwort sein, dem Aufladen von Infektionskrankheiten mit moralischem Gewicht entgegenzuwirken. Anzuerkennen, wer derzeit besonders gefährdet ist, und gleichzeitig deutlich zu machen, dass das nicht Konsequenz von moralischem Fehlverhalten ist. Dass krank zu werden und, ja, auch andere Anzustecken, nicht zwangsweise Ergebnis persönlicher Rücksichtslosigkeit ist. Und zu reagieren nicht, indem man Verhalten anprangert, sondern indem man sich dafür einsetzt, dass Ressourcen dort angewandt werden, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Dazu gehört auch, deutlich zu machen, wo die Ressourcen derzeit nicht gebraucht werden: Derzeit gibt es etwa nur sehr begrenzt Impfstoff gegen Affenpocken, und es wäre eine Verschwendung, würden wir Teile davon Menschen geben, die nicht zu der Gruppe gehören, die das größte Risiko hat, zu erkranken, aber die sich große Sorgen machen, weil sie in der U-Bahn neben jemandem mit Hautausschlag saßen.

Das ist eine durchaus komplexe kommunikative Herausforderung! Man muss dafür erstmal davon ausgehen, dass unsere Mitmenschen nuancierte Informationen genauso gut verstehen wie wir selbst. Dass die meisten von ihnen auch schlau und gut sind und mit klar kommunizierten, auch komplexen und sensiblen Informationen umzugehen wissen. Aber genau das ist natürlich schwierig für die Art Mensch, die auf einen Post wie den von Turnbull anspringt: eben die Sorte Mensch, die auch glaubt, dass das größte Problem in den letzten zwei Jahren die mangelnde Eigenverantwortung gewesen wäre, obwohl die meisten Menschen nachweislich durchgehend verantwortlich gehandelt haben. Die Sorte Mensch, die sich so sicher ist, zu den Schlauen und Guten zu gehören, dass sie ihre eigenen, gefährlichen Denkmuster nicht mehr hinterfragen.


Update: Die Person auf dem Foto hat sich mittlerweile selbst zu Wort gemeldet und — das wird euch jetzt schockieren — erklärt, dass sie keine Affenpocken habe, sondern die nicht ansteckende Krankheit Neurofibromatose. Und dass sie nie mit Henriques gesprochen habe.

Was für ein Plot-Twist: Die Menschen, die ungefragt eine fremde Person in der U-Bahn fotografiert, das Foto auf Twitter gesharet und die Person dann basierend auf unverlässlichen, widersprüchlichen Informationen verurteilt haben, standen auf der falschen Seite. Wer hätte das ahnen können — außer ich und absolut jede*r, der*die Geschichten, die Panik über ansteckende Krankheiten verbreiten, mit derselben gesunden Skepsis begegnet wie Geschichten, die sie verharmlosen.


Wenn dir dieser Text gefällt, freue ich mich über eine kleine Unterstützung via Ko-Fi:


  1. Auch wenn natürlich die Annahme falsch war, dass nur schwule Männer erkranken könnten.↩︎



Date
July 31, 2022