Man kann Stigmatisierung nicht mit Stigmatisierung bekämpfen (oder: Ich flehe euch absolut an, reißt euch zusammen beim Thema »Affenpocken«)

»So viel zum Thema Eigenverantwortung🙄«, schreiben, leicht variiert, dutzende User*innen über den Post. Ich weiß nicht, ob sie glauben, damit eine originelle oder pointierte Beobachtung zu liefern, oder ob ihnen klar ist, dass sie lediglich ein Meme reproduzieren, ein Klischee erfüllen. Worüber ich mir sicher bin, ist, dass sie sehr überzeugt sind, zu den Schlauen, den »Guten« zu gehören: denen, die es eben doch ernst meinen mit Eigenverantwortung, denen, die, auch so ein Schlagwort mittlerweile, Empathie haben, denen ihre Mitmenschen nicht egal sind.

»Unverantwortlich« sind die anderen, ist zum Beispiel die Person auf dem Foto: jemand mit einem sichtbaren Hautausschlag, der in Spanien U-Bahn gefahren ist. Mehr verlässliche Informationen über die Person haben wir nicht, aber hey, irgendein Rando auf Twitter hat behauptet, dass er ein Gespräch mit der Person geführt hätte, in dem sie bestätigt hätte, dass es sich um Affenpocken handelt, und dann hat Chris Turnbull, jemand der seit 2,5 Jahren hauptberuflich völlig überzogene Panik wichtige Informationen über Covid-19 verbreitet, es retweetet, und das reicht uns.

Klar, normalerweise kommentieren wir die banalsten Anekdoten auf Twitter mit »G’schichten aus’m Paulanergarten« und »…und dann haben alle geklatscht«, aber wir wissen doch wie die Leute sind, das hier macht einfach Sinn für uns, wir würden Falschinformationen erkennen, wenn wir sie sehen, Falschinformationen sind, was die anderen verbreiten. Und im Zweifelsfall, wenn es sich doch als Fake herausstellen sollte, können wir noch immer die Get-out-of-jail-free-card jedes Twitter-Libs spielen, indem wir schreiben: Allein, dass es so viele geglaubt haben, sagt doch was aus über die Menschheit!

Brechen wir mal herunter, was wahr sein müsste, damit die Geschichte, die der spanische Arzt Arturo M Henriques auf Twitter erzählt hat, so stimmen könnte:

  1. Jemand muss an Affenpocken infiziert sein. Das ist jetzt nicht absurd, die Fälle steigen, aber auf die Gesamtbevölkerung gemessen sind es noch nicht viele — in Spanien, wo diese Geschichte passiert sein soll, ungefähr 5000, bei einer Bevölkerung von 47 Millionen. Es muss außerdem ein Fall sein, bei dem die Infektion a) sichtbar, aber b) nicht übermäßig schmerzhaft ist, die Person kann ja offenbar noch relativ unbeschwert U-Bahn fahren. Schon etwas unwahrscheinlicher, aber natürlich möglich.
  2. Die erkrankte Person muss zufällig gleichzeitig U-Bahn fahren mit und in der Nähe stehen von einem Arzt, der überdurchschnittlich viel über Affenpocken weiß (er identifiziert die Krankheit etwa als »auf dem Höhepunkt der Ansteckung« [Google-Übersetzung]).
  3. Dieser Arzt muss die Affenpocken aus der Distanz korrekt visuell diagnostizieren. Spätestens hier wird es einigermaßen unwahrscheinlich, denn der Ausschlag, der durch Affenpocken verursacht wird, ist visuell eigentlich nicht so klar von dem durch manch andere Hautkrankheiten verursachten zu unterscheiden.
  4. Die erkrankte Person muss, wie der Twitter-User weiter erklärt, bereits einen Arzt aufgesucht haben, der korrekt Affenpocken diagnostiziert hat — und der Person erklärt hat, dass nur schwule Männer Affenpocken bekommen können, und der Person versichert hat, dass keine Quarantäne nötig ist. Außerdem habe der Arzt empfohlen, wegen der Affenpocken eine Maske zu tragen — obwohl er ja offenbar nicht daran glaubt, dass die Krankheit auf anderem Wege als beim Sex zwischen Männern übertragen werden kann. Es muss also ein Arzt gewesen sein, der irgendwie gleichzeitig einigermaßen kompetent in der Diagnose der Krankheit ist, und absurde, völlig widersprüchliche Ideen darüber hat, wie sie übertragen wird.

Ich frage: Ist das wirklich wahrscheinlicher, als dass sich jemand halt einfach für Twitter-Clout etwas ausgedacht hat? Oder vielleicht, dass jemand irgendwie das Herz am rechten Fleck hat und das Bewusstsein für die Gefahr durch Affenpocken schärfen will, und sich dafür eine Geschichte ausgedacht hat? Seid ihr wirklich so überzeugt, dass es nicht eine dieser Varianten war, dass ihr euch in eurer Empörung und dem kollektiven Shaming dieser unbekannten Person, an dem ihr euch beteiligt, gerechtfertigt fühlt?

Okay, von mir aus: Nehmen wir mal an, diese Geschichte, die so nie passiert ist, wäre so passiert. Würde das die Reaktion rechtfertigen? Würde es rechtfertigen, ein ohne Zustimmen der Person in der U-Bahn aufgenommenes Foto auf Twitter zu teilen? Würde es rechtfertigen, die Person pauschal zu verurteilen? Oder ist es nicht eher gefährlich, diese Geschichte, mit diesem Foto, zu verbreiten? Könnte das nicht, völlig unabhängig davon, ob diese spezifische Geschichte so stimmt, dazu beitragen, dass ein Stigma entsteht gegen Menschen, die mit sichtbaren Hautkrankheiten in die Öffentlichkeit gehen? Ich zum Beispiel habe Psoriasis, eine völlig ungefährliche, nicht ansteckende Erbkrankheit. Die Gefahr für Menschen, die mit mir in Kontakt kommen, ist gleich 0. Aber während schweren Schüben sieht mein Hautausschlag deutlich schlimmer aus als das da auf dem Foto. Muss ich in Zukunft Angst haben, dass die selbsternannte Affenpocken-Polizei heimlich Fotos von mir schießt, um einen Twitter-Shitstorm gegen mich loszutreten? Hatten wir nicht, damals, am Anfang der Covid-Pandemie, als asiatisch gelesene Menschen in der Öffentlichkeit als angebliche Virenschleudern diffamiert wurden, unsere Erfahrungen damit gemacht, wie schnell es gehen kann, dass Gruppen von Menschen ungerechtfertigt stigmatisiert werden?

Wer ist hier wirklich unverantwortlich: Die Person, die mit einem Hautausschlag, der vielleicht, aber wahrscheinlich nicht von Affenpocken kommt, in der U-Bahn steht? Oder doch diejenigen, die diese Person heimlich fotografieren und dann hundertfach das Foto teilen, jede Skepsis über Bord werfen, die Person verurteilen und die Verdummung der Menschheit beschwören? Die damit implizieren: So sehen Affenpocken aus und so sollte man Menschen behandeln, die die Krankheit haben.

Das absurde ist: Diejenigen, die sich am durch Turnbull losgetretenen Dogpile beteiligen, glauben ja, sie würden hier gegen Stigmatisierung kämpfen. Das ist nämlich der andere Kommentar, mit dem Turnbulls Thread am häufigsten geteilt wird: Varianten von »Hier sieht man, wo die Stigmatisierung homosexueller Männer hinführt!« Denn irgendwie hat sich unter Teilen des »Team Vorsicht« die Idee verbreitet, dass es an sich stigmatisierend wäre, anzuerkennen, dass die bisherigen Affenpocken-Fälle sich überwältigend auf Männer, die Sex mit Männern haben (»MSM«) konzentrieren. Ich sage »irgendwie«, aber eigentlich weiß ich genau, wie es kommt, dass diese Idee Fuß fassen konnte: In über zwei Jahren Covid haben wir uns davon überzeugen lassen, dass Krankheiten eine moralische Qualität haben, dass es ein moralischer Makel ist, krank zu werden und, vor allem, andere mit einer Krankheit anzustecken. Wir sollten bereits aus der AIDS-Krise gelernt haben, wie gefährlich dieses Denken ist: Das Kernproblem der (Nicht-)Reaktion vieler Regierungen war damals nicht die Beobachtung, dass schwule Männer besonders betroffen waren;1 sondern die Schlussfolgerung daraus, dass man deshalb nichts gegen die Krankheit tun müsste, weil diese Menschen es nicht anders verdient hätten.

Und wenn man dieses moralisierende Denken nicht weiter hinterfragt, und dann versucht, es mit seinen anderen Überzeugungen als einer von den Guten zusammenzubringen, entstehen halt solche logischen Ketten:

  1. Es ist ein moralischer Fehlschlag, krank zu werden.
  2. Aber es ist nicht unmoralisch, als Mann Sex mit anderen Männern zu haben.
  3. Wenn beide diese Annahmen wahr sind, und ich dann sage, dass derzeit besonders »MSM« krank werden, sage ich, dass besonders MSM moralisches Fehlverhalten zeigen, und stigmatisiere damit eine Gruppe von Menschen.
  4. Aber ich stigmatisiere keine Gruppen von Menschen, denn ich bin einer von den Schlauen, Guten.

Es gibt ja durchaus eine Gefahr der Stigmatisierung von Männern, die Sex mit Männer haben. Rechte versuchen ja bereits, die Verbreitung von Affenpocken besonders unter dieser Gruppe von Menschen für ihre Narrative zu missbrauchen. Aber die Antwort darauf kann doch nicht sein, die überwältigende Evidenz zu ignorieren, die darauf hindeutet, dass derzeit besonders diese Gruppe von Menschen betroffen ist — und im Zuge dessen notfalls sogar eine andere Gruppe von Menschen zu stigmatisieren, die uns irgendwie egaler ist, hier die mit sichtbaren Hautkrankheiten.

Stattdessen muss die Antwort sein, dem Aufladen von Infektionskrankheiten mit moralischem Gewicht entgegenzuwirken. Anzuerkennen, wer derzeit besonders gefährdet ist, und gleichzeitig deutlich zu machen, dass das nicht Konsequenz von moralischem Fehlverhalten ist. Dass krank zu werden und, ja, auch andere Anzustecken, nicht zwangsweise Ergebnis persönlicher Rücksichtslosigkeit ist. Und zu reagieren nicht, indem man Verhalten anprangert, sondern indem man sich dafür einsetzt, dass Ressourcen dort angewandt werden, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Dazu gehört auch, deutlich zu machen, wo die Ressourcen derzeit nicht gebraucht werden: Derzeit gibt es etwa nur sehr begrenzt Impfstoff gegen Affenpocken, und es wäre eine Verschwendung, würden wir Teile davon Menschen geben, die nicht zu der Gruppe gehören, die das größte Risiko hat, zu erkranken, aber die sich große Sorgen machen, weil sie in der U-Bahn neben jemandem mit Hautausschlag saßen.

Das ist eine durchaus komplexe kommunikative Herausforderung! Man muss dafür erstmal davon ausgehen, dass unsere Mitmenschen nuancierte Informationen genauso gut verstehen wie wir selbst. Dass die meisten von ihnen auch schlau und gut sind und mit klar kommunizierten, auch komplexen und sensiblen Informationen umzugehen wissen. Aber genau das ist natürlich schwierig für die Art Mensch, die auf einen Post wie den von Turnbull anspringt: eben die Sorte Mensch, die auch glaubt, dass das größte Problem in den letzten zwei Jahren die mangelnde Eigenverantwortung gewesen wäre, obwohl die meisten Menschen nachweislich durchgehend verantwortlich gehandelt haben. Die Sorte Mensch, die sich so sicher ist, zu den Schlauen und Guten zu gehören, dass sie ihre eigenen, gefährlichen Denkmuster nicht mehr hinterfragen.


Update: Die Person auf dem Foto hat sich mittlerweile selbst zu Wort gemeldet und — das wird euch jetzt schockieren — erklärt, dass sie keine Affenpocken habe, sondern die nicht ansteckende Krankheit Neurofibromatose. Und dass sie nie mit Henriques gesprochen habe.

Was für ein Plot-Twist: Die Menschen, die ungefragt eine fremde Person in der U-Bahn fotografiert, das Foto auf Twitter gesharet und die Person dann basierend auf unverlässlichen, widersprüchlichen Informationen verurteilt haben, standen auf der falschen Seite. Wer hätte das ahnen können — außer ich und absolut jede*r, der*die Geschichten, die Panik über ansteckende Krankheiten verbreiten, mit derselben gesunden Skepsis begegnet wie Geschichten, die sie verharmlosen.


Wenn dir dieser Text gefällt, freue ich mich über eine kleine Unterstützung via Ko-Fi:


  1. Auch wenn natürlich die Annahme falsch war, dass nur schwule Männer erkranken könnten.↩︎

July 31, 2022 affenpocken covid twitter shaming dogpiling libs pandemie krankheit gesundheit text

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Wie Spotify unabhängiges Podcasting bedroht (& warum ihr nicht Anchor nutzen solltet, wenn ihr im Jahr 2022 Audio-Inhalte ins Netz stellen wollt)

Was ist ein »Podcast«?

Bevor Podcasts in der Mitte der Gesellschaft ankamen, wurde ich das gelegentlich von älteren Verwandten gefragt, und genau wie auf die Frage »Was ist ein Blog?« fand ich es schwierig, eine befriedigende Antwort zu geben — oder zumindest: eine befriedigende für beide Seiten. Meistens sagte ich am Ende sowas wie, »Das ist wie Radio im Internet, nur, dass du’s hören kannst, wann du willst«, und den Fragenden reichte das; ich allerdings war unzufrieden mit meiner Antwort, denn eine der für mich wichtigsten Eigenschaften von Podcasts hatte ich nicht erwähnt, weil ich nicht glaubte — oder, seien wir ehrlich, keine Lust hatte, es zu versuchen —, dass ich den Fragenden verständlich machen könnte, was genau das ist und warum es wichtig ist: die Technologie hinter Podcasts. Gemeint sind nicht Smartphones oder Computer oder, obwohl Podcasts bekanntlich danach benannt sind, iPods; gemeint ist die Technologie, mit der Podcasts vertrieben werden, die überhaupt erst aus einer Reihe von Audiofiles einen Podcast macht: RSS.

RSS, für diejenigen, denen es kein Begriff ist, steht entweder für »Really Simple Syndication« oder für »RDF Site Summary« oder für was anderes oder für gar nichts, so genau weiß das kaum jemand mehr. Es ist ein Dokument in der Markup-Sprache XML, das Daten, zum Beispiel Blog-Posts oder News-Artikel oder eben Podcasts, in eine strukturierte, maschinenlesbare Form bringt; ein RSS-Dokument enthält für gewöhnlich Überschrift und Inhalt eines Posts oder Artikels (oder eine Kurzform) — bei Podcasts die Episodenbeschreibung —, sowie Metadaten wie den Namen des*der Autor*in, das Veröffentlichungsdatum und, für Podcasts, einen Verweis auf die zugehörige Audiodatei. Über einen solchen RSS1-»Feed« können User*innen nun, mittels Programmen wie RSS-Readern oder »Podcatchern«, regelmäßig aktualisierte Inhalte abonnieren; Reader, Podcatcher oder ähnliches interpretieren Inhalt und Metadaten, können Veröffentlichungen so einem Podcast, einer Website oder ähnlichem zuordnen, sie chronologisch ordnen und auch die Feeds mehrerer Quellen in einer gemeinsamen Timeline aggregieren.

RSS ist eine der essenziellen Technologien des Open Web. Es ist ein nahezu universelles, sowohl für Menschen als auch für Maschinen einfach zu lesendes offenes Format; es gibt User*innen eine Menge Kontrolle darüber, wie sie Inhalte konsumieren wollen: Sie können sich ihren Reader oder Podcatcher und damit auch die Präsentation sowie die Ordnung/Gruppierung der Inhalte aussuchen. Und anders als beispielsweise bei einem Email-Newsletter müssen User*innen für ein RSS-Abo den Anbieter*innen keine Daten preisgeben. Gleichzeitig verweisen die Metadaten von RSS-Feeds stets auf die Urheber*innen, die auch die Kontrolle über ihre Inhalte behalten: Editieren oder löschen sie etwas, wird die Änderung — wenn auch oft mit einer gewissen Verzögerung — im Feed reflektiert.

Unter anderem Social-Media- und Streaming-Plattformen — allen, die im Netz Silos bauen wollen — ist RSS daher ein Dorn im Auge: Es steht im Gegensatz zu algorithmusbasierter Präsentation von Inhalten, und es arbeitet aktiv gegen Versuche, User*innen an die eigene Plattform und ihre User-Experience zu binden. Facebook und Twitter boten in ihrer Anfangszeit RSS-Feeds an, haben diese Funktionen mittlerweile allerdings entfernt (oder sehr gut versteckt). Die hier schon mehrfach erwähnte Alternative micro.blog ist deshalb so spannend, weil sie um RSS designt ist, sodass eine neue, offene Art von Social Media entsteht, eine, die über die eigenen Grenzen hinaus, mit deutlich weniger Einschränkungen als etablierte Social-Media-Plattformen, kommunizieren kann.

Und RSS ist eben auch ein fundamentaler Teil der DNA von Podcasts. Der Erfolg von Podcasts als Medium liegt in seiner Intimität, darin, dass Podcasts dorthin kommen, wo der*die Hörer*in ist. Dazu gehört, dass man Podcasts hören kann, wann man will, und wo auch immer man sich in der physischen Welt aufhält: Audio-Content, anders als Video oder Text, kann »nebenbei« konsumiert werden — während der Arbeit, beim Autofahren etc. —, und anders als klassisches Radio sind Podcasts auch nicht an einen festen Zeitplan gebunden. Es gehört aber auch dazu, dass Podcasts in der digitalen Welt zum*zur Hörer*in kommen: dass wir entscheiden können, welches Gerät und welche App wir nutzen, um sie zu hören und/oder zu abonnieren — ob wir sie im Podcatcher, Audio-Player, oder, wenn wir auf Schmerzen stehen, direkt im Browser abspielen —, ob wir sie streamen oder herunterladen, ob wir sie mit erhöhter Geschwindigkeit oder, keine Ahnung, einem lustigen Voice-Filter abspielen. All das ist möglich, weil Podcasts über RSS vertrieben werden.

RSS ist auch, schlicht und einfach, was Podcasts ursprünglich möglich gemacht hat. Mittlerweile gibt es natürlich dutzende Plattformen, die das Hosting und Vertreiben von Podcasts als Service anbieten: User*innen erhalten ein gewisses Kontingent an monatlichem Speicherplatz, um neue Episoden hochzuladen, und die Plattform generiert automatisch einen RSS-Feed. Vor dem Aufkommen dieser Plattformen allerdings war es die Tatsache, dass ein RSS-Dokument nicht nur relativ einfach zu lesen und zu verstehen, sondern auch einfach zu schreiben ist, die Podcasts — mit ihrer episodischen Veröffentlichung und der Möglichkeit für Hörer*innen, sie zu abonnieren — möglich machte.

Anchors »Rundum-Sorglos-Paket« für Podcaster — und der Haken

Mit alldem im Hinterkopf, reden wir über Anchor.fm. Anchor ist eine ursprünglich auf kurze Clips — eine Art Tiktok für Audio — ausgerichtete, mittlerweile aber auf das Hosten von Podcasts neuorientierte Plattform. Gegründet 2015, wurde die Plattform 2019 von Spotify gekauft. Laut eigener Aussage werden die meisten Podcasts weltweit bei Anchor gehostet — 80% aller neu gestarteten Podcasts, heißt es auf der Website, werden bei Anchor kreiert. Ich weiß nicht, ob diese Zahl so ganz stimmt, aber Zweifel daran, dass Anchor einer der beliebtesten Podcast-Hosts ist, habe ich nicht: Die Plattform ist simpel, anfängerfreundlich und vor allem kostenlos und frei von Limits. Podcaster*innen können beliebig viele Episoden von beliebiger Größe in beliebiger Frequenz hochladen und veröffentlichen, ohne einen Cent zu bezahlen. Keine andere mir bekannte Plattform kann mit diesen Konditionen mithalten.2

Gut, ihr wisst, wohin Texte wie dieser für gewöhnlich führen, also fragt ihr euch bereits: Wo ist der Haken? Und die Antwort ist…eigentlich nirgendwo. Noch. Wenn man weiß, was man tut. Was, bedenkt man, dass Anchor sich spezifisch an Menschen vermarktet, die Podcaster*innen werden wollen, ohne so genau wissen zu müssen, was sie tun, halt nicht zwangsweise gegeben ist.

Dass eine kommerzielle Plattform wie Spotify, wenn sie einen kostenlosen Dienst wie Anchor bereitstellt, noch andere Ziele verfolgt außer User*innen einen geilen Service zu liefern, sollte klar sein; man sollte sich halt bewusst machen, welche Ziele genau das sind, und sich fragen, ob man daran mitwirken möchte. Auf diese Frage kommen wir im Folgenden zu sprechen, aber lasst uns das ganze ein Bisschen von hinten aufziehen: Wie Anchor die Ziele seiner Mutterplattform umzusetzen versucht, ist ziemlich clever — und ziemlich perfide.

Anchor verkauft sich als Rundum-Sorglos-Plattform für Menschen, die einen Podcast starten wollen, ohne sich groß mit der Technik und Verwaltung beschäftigen zu müssen. Und dann spekulieren sie darauf, dass genau diese Menschen nicht merken, welchen, nun, Bullshit Anchor ihnen unter dem Vorwand der Nutzerfreundlichkeit unterjubelt. Technisch gesehen lässt sich all der Bullshit abstellen oder umgehen, sogar (noch) sehr einfach, sodass sich Anchor immer elegant rausreden kann; aber das Abstellen oder Umgehen verlangt genau die Kenntnis von Technik (und in Zukunft vielleicht auch den Verwaltungsaufwand), die man ja gerade überspringen will, wenn man eine Plattform wie Anchor nutzt.

So bot Anchor bisher beispielsweise eine »One-Click-Distribution« zu Apple Podcasts an. Was sie nicht explizit machten war allerdings, dass der Podcast dann unter der Anchor-eigenen Apple ID hochgeladen und eine zufällig generierte Email mit Anchor-Domain als Kontaktadresse angegeben wurde (die nichtmal auf die im Anchor-Account angegebene Email weiterleitete). So hatten User*innen, die die »One-Click-Distribution« nutzten, keinen Zugriff auf die deutlich detaillierteren Statistiken von Apple und konnten von Apple oder Hörer*innen nicht per Email kontaktiert werden. Man konnte, verborgen in den »Advanced Options« des Anchor-Accounts, einstellen, dass die eigene Email im RSS-Feed gelistet wurde, und dann bei Apple anfragen, den Podcast zu einer eigenen Apple ID zu transferieren; aber a) musste man dafür erstmal wissen, dass es nicht normal ist, dass Podcast-Hosts Podcasts so bei iTunes/Apple einreichen, & b) hatte man so im Endeffekt mehr Aufwand als hätte man den Podcast selbst bei Apple eingetragen.

Im letzten Jahr hat Anchor Änderungen vorgenommen, die auf die Kritik an diesem System eingingen — die Gelegenheit aber auch für neuen Bullshit genutzt. Unter dem Titel »Evolving Anchor distribution to meet the needs of new creators« schrieb »Co-Founder, Anchor and Ex-Head of Podcasts, Spotify« Michael Mignano damals:

We’ve heard from creators that it’s increasingly important for them to submit their shows to listening platforms (including Apple Podcasts) themselves, rather than Anchor doing so on their behalf. We’ve recognized that by doing so, it will make it easier for creators to access many of the new features and services podcast platforms are offering. So, starting later this summer, we’ll help guide new creators on how to submit their podcast for review to Apple Podcasts and other platforms themselves through a series of detailed and easy-to-follow steps, rather than Anchor doing it for them.

OK, so weit, so gut, schätze ich. Aber es wird noch…interessanter. Unter der Zwischenüberschrift »Greater control over which platforms ingest, publish, and monetize creators’ content« schreibt Mignano:

As more and more new audio platforms emerge and look to capitalize on the growing audio space, it’s important that creators have control over which platforms are aggregating their content from the web (and in some cases, building their own businesses on top of creators’ content without their consent). Currently, when a creator launches a new podcast on most podcast creation platforms (including Anchor), the platform automatically generates an RSS feed and publishes it to the open web. This published RSS feed makes it possible for any platform or website to ingest the RSS feed, and display and even monetize the content. This can happen without explicit permission from the creator. As part of our distribution update, we will only generate an RSS feed if the creator explicitly wants one (and we’ll present clear options on how to do so at the time of publish). This will ensure that each creator can explicitly choose to publish their podcast with an RSS feed (therefore enabling any platform to ingest, display, and monetize that content) rather than it happening automatically without the creator’s consent.

Das steht im Widerspruch zu dem, was Mignano weiter oben angekündigt hat. Ohne einen RSS-Feed kann man seinen Podcast nicht bei Apple einreichen, oder bei Google, oder sonstwo.3 Ich finde es einigermaßen…verwirrend, User*innen einerseits zu sagen: Hey, wir zeigen euch, wie ihr ganz simpel selbst euren Podcast bei Verzeichnissen einreichen könnt, damit ihr die volle Kontrolle und Zugriff auf alle Statistiken habt; und gleichzeitig zu warnen: Die Technologie, die dafür erforderlich ist, führt dazu, dass ihr die Kontrolle über euren Podcast verlieren könntet, also schalten wir sie lieber erstmal ab.

Es ist wieder die bekannte Strategie: Technisch gesehen kann man sich bei Anchor ohne Probleme einen RSS-Feed generieren lassen, wie bei jedem anderen Podcast-Host auch; aber ich weiß nicht, ob die Sorte Einsteiger*in, an die Anchor sich vermarktet, da weiß, was die bessere Entscheidung ist. Oder ob der*die ein oder andere von ihnen nicht spätestens, sobald er*sie ein Pro/Contra zu irgendeiner obskuren Web-Technologie liest, abschaltet, entscheidet, sich nicht damit befassen zu wollen, und deswegen halt die Standard-Einstellungen akzeptiert.

Die bessere Entscheidung, nebenbei, ist natürlich, einen RSS-Feed anzubieten. Nicht nur aufgrund der oben genannten Vorteile von RSS, sondern auch, weil die von Anchor genannten Risiken tendenziell Quatsch sind. Ich weiß nicht, wie genau RSS irgendeine shady Plattform dazu befähigen soll, einen fremden Podcast zu monetarisieren4 — ich schätze, indem man den Inhalt einbindet und Werbung drum herum schaltet? Aber das kann ich auch mit einem Spotify-Player. Keine Ahnung, vielleicht macht ein RSS-Feed es minimal leichter, sowas zu automatisieren, aber ich mein, RSS zeigt noch immer auf den*die Urheber*in, also hilft das am Ende doch irgendwie euren Stats, und ein RSS-Feed gibt halt euch und euren Hörer*innen neue Freiheiten. Und das mit der Email hatten wir ja schon. Ich kann mir schlicht kein Szenario vorstellen, in dem die Vorteile eines RSS-Feeds die möglichen Nachteile nicht deutlich überwiegen.

Zugegeben: In der Praxis, das habe ich mit einem Wegwerf-Account ausprobiert, sind die mittlerweile umgesetzten Änderungen erstmal halb so wild: Wer bei Anchor einen Podcast anlegt, landet nach ein paar Schritten auf einer Seite, auf der die (nicht optionale) Veröffentlichung bei Spotify bestätigt wird. Weiter unten auf derselben Seite findet man einen Button, über den man einen RSS-Feed generieren kann, was, wie die Seite richtig informiert, nötig ist, um den Podcast bei anderen Plattformen einzureichen (was man nun selbst übernehmen muss). Ein kleines Fragezeichen-Icon führt zu den Support-Seiten von Anchor, auf denen das Konzept »RSS« erklärt und außerdem gewarnt wird, dass durch das Generieren des Feeds technisch gesehen die eigene Email-Adresse öffentlich wird.5

Ein überflüssiger Schritt also — das Generieren eines RSS-Feeds sollte keine optionale Funktion sein —, aber immerhin ist dieser bislang nicht irgendwo in einem Menü versteckt. Wahrscheinlich wird das nicht viele Menschen davon abhalten, einen Feed für ihren Anchor-Podcast zu generieren. Andererseits: Wenn es eine Person davon abhält, ist mir das schon zu viel. Und man sollte das auch nicht unterschätzen: Wann immer ich erwähne, dass ich einen Podcast habe, ist schon jetzt in 9 von 10 Fällen die erste Frage meines Gegenüber: »Ist der auf Spotify?« Für viele ist Spotify, tragischerweise, nicht nur die App ihrer Wahl, um Podcasts zu hören, sie haben sich noch nichtmal groß damit beschäftigt, dass es andere (bessere) Optionen gibt; ich kann mir durchaus vorstellen, dass der*die ein oder andere denkt: »Reicht doch, wenn mein Podcast auf Spotify ist, ich kenn eh niemanden, der was anderes benutzt.«

Vor allem aber traue ich Anchor nicht, dass es dabei bleibt. Nicht nur, weil ich weiß, wie Tech-Firmen nunmal operieren, sondern auch, weil Mignano seine RSS-Skepsis kürzlich in einem weiteren Medium-Post bekräftigt hat. »The Standards Innovation Paradox« heißt der, und es ist ein durchaus faszinierender Einblick in den Kopf eines Menschen mit fortgeschrittenem Fall von Founder-Brain.

Es gibt kein »Standards Innovation Paradox«

Mignano betont in seinem Text ungefähr 68 mal, wie grundsätzlich super technologische Standards wie eben RSS seien, so, wie man beim Schlussmachen halt auch immer mit »Du bist super, ehrlich!« anfängt. Gleichzeitig zeichnet er Standards aber als Gegner der Innovation: Sie entwickelten sich nur sehr träge weiter, was zum Beispiel der Grund dafür sei, dass das Podcast-Format seit seiner Einführung vor 20 Jahren weitestgehend stagniere:

Despite the benefit of standards-based products being able to reach an audience faster, the tradeoff is that a lower barrier to entry means more products get created in a category, causing market fragmentation and ultimately, a slow pace of innovation. I call this tradeoff the Standards Innovation Paradox[.]

Lassen wir für den Moment mal beiseite, ob das so stimmt — ob Standards wirklich Innovation erschweren oder verlangsamen: Ist es nicht allein schon interessant, dass Mignano »market fragmentation« als Hindernis für Innovation sieht? Lautet die Standard-These neoliberaler Propaganda nicht für gewöhnlich, dass gerade Wettbewerb, gerade die Möglichkeit der Endverbraucher*innen, zwischen vielen Optionen zu wählen, Innovation fördere? Geht es hier wirklich um die Unmöglichkeit von Innovation, oder vielleicht doch eher darum, dass diese »market fragmentation« es Giganten wie Spotify erschwert, eigene Standards zu diktieren oder gleich der »Standard«, i.e. der einzig relevante Anbieter, zu sein?

Interessant auch, was Mignano so an »Innovationen« einfällt, die an der Hürde des RSS-Standards scheitern:

For example, let’s say we wanted to enable a comments section for podcast episodes and have these comments be available within a show’s RSS feed. Unless we were able to get hundreds of podcast listening apps out there to adopt the change, the comments wouldn’t be supported on the listening side of podcasting. Without this support, there would be no incentive for creators to adopt and engage with comments either, and the feature would immediately fail.

As another example, let’s say we wanted to build a richer, more dynamic system for podcast analytics that enabled creators to better understand the performance of their shows, thus increasing their earnings potential through modern forms of internet advertising. Unless we were able to get hundreds of podcast listening apps out there to adopt the proposed change, getting the richer data from the listening apps back to the publishing platform wouldn’t be possible, and the innovation would fail.

Das ist halt die Sorte Gedanke, die man hat, wenn man ausschließlich aus Sicht eines profitorientierten Großunternehmens anstatt aus der der User*innen denkt. Es ist bezeichnend schwammig, was genau Mignano mit »richer, more dynamic« meint, aber ich sehe erstmal zwei Ansatzpunkte, Podcast-Analytics zu verfeinern: Entweder bei der Auswertung von Daten — was völlig unabhängig vom RSS-Standard von jedem Podcast-Hoster individuell gelöst werden kann.

Oder aber beim Sammeln von Daten. Da spielen die Möglichkeiten des RSS-Standards tatsächlich eine Rolle. Nur ist es kein Bug, sondern ein Feature von RSS, dass kaum Nutzungsdaten gesammelt werden. Anzahl, Ort, Zeitpunkt und »User-Agent« (die benutzte App) sind im Grunde alle Daten, die man als Podcaster*in zur Verfügung hat — und das ist gut so: Klar könnte es, aus Sicht von Hosting-Plattformen und Podcaster*innen, irgendwie nützlich sein, hätte man etwa, ähnlich wie bei YouTube, Informationen darüber, ob die Hörenden Folgen vollständig hören oder vorher abbrechen, oder welche anderen Vorlieben für Podcasts (etc.) sie haben, oder demographische Daten wie Alter, Geschlecht usw. Aber als Hörer von Podcasts bin ich einigermaßen froh, dass dieser eine Bereich meines Medienkonsums noch (relativ) unberührt ist von der Sorte Verletzung der Privatsphäre, die ~modern forms of internet advertising~ möglich machen.

Ähnliches gilt für Hörer*innen-Kommentare: Ich bin Mitglied diverser Podcast-Discord-Server und will daher gar nicht leugnen, dass Community-Funktionen einen Platz haben. Aber besser aufgehoben sind die eben in Discords oder Subreddits — wollte man Kommentare in Podcatchern darstellen, müssten diese Apps teils von Grund auf anders designt werden, auf jeden Fall würden sie langsamer und unübersichtlicher; und am Ende könnte die User-Experience doch nicht mit der von Apps mithalten, die tatsächlich von vornherein für solche Funktionen gedacht sind. Ganz unabhängig davon, dass nicht jede*r Hörer*in mit der Community interagieren will.

Das ist halt das Ding an dem, was im Spätkapitalismus so »Innovation« genannt wird: Was für das Kapital ein Fortschritt ist, kann für den Endverbraucher ein Rückschritt sein. Wir haben schon genug Apps auf unseren Handys, die, damit sie uns besser ausspionieren und mehr Engagement generieren können, überfrachtet mit sinnlosen Funktionen und entsprechend krampfig zu benutzen sind. Der RSS-Standard mag gelegentlich auch echte Innovation verlangsamen oder erschweren;6 gleichzeitig schützt er aber auch vor dieser Art »Innovation« im Sinne von Tech-Konzernen statt User*innen. Kann man so oder so sehen, aber für mich ist es dieser Tradeoff wert.

Spotify, meint Mignano, habe den »Fluch« des Standard Innovation Paradox gebrochen:

A few years ago, the streaming audio giant evolved from being only a music service to being one for other categories of audio, such as podcasts. Given the content and experience differences between music and podcasts, many hoped the company would launch a dedicated podcast listening app to offer users a clean separation between the two content types. However, if they had done so, they’d have to contend with the aforementioned ocean of podcast listening apps which were all offering users roughly the same features that were limited by the standard. It would be just as challenging to breakthrough for a Spotify podcast app as it has been for every other podcast listening app. So instead, Spotify used their existing music user base inside of the existing Spotify app to distribute podcasts to hundreds of millions of users.

Und technisch gesehen stimmt das so. Aber inwiefern das irgendeinen »Fluch« bricht, nun, das ist ebenfalls eine Frage der Perspektive. Aus User*innen-Sicht lässt sich dieser Vorgang auch so beschreiben: Spotify hat seine Dominanz in einem Sektor (Musik-Streaming) genutzt, um Kund*innen in einem anderen (Podcasts) ein minderwertiges Produkt zu verkaufen. Nämlich dieselbe alte Spotify-App, die für das Entdecken und Hören von Musik gemacht ist, weniger für das Abonnieren von Podcasts, und die so ziemlich die schlechteste App für den Konsum von Podcasts ist, die ich kenne.7 Spotify-User*innen kennen es halt nicht besser, aber dass Spotify sich, da es dank seinem Musik-Angebot bereits eine existierende Userbase hatte, nicht um Standards schert, hat eben nicht zu Innovation im Sinne der Nutzer*innen geführt, sondern dazu, dass Spotify nichtmal die Standard-Features, die jede andere Podcast-App hat übernahm: User*innen können bei Spotify etwa keine Podcasts abonnieren, die nicht Teil von Spotifys eigenem Verzeichnis sind — das geht, eben über das Eingeben einer RSS-Feed-Adresse, in so ziemlich jedem anderen relevanten Podcatcher. So lassen sich zum Beispiel die Bonus-Feeds, die viele unabhängige Podcaster*innen ihren Supporter*innen bei Patreon oder ähnlichem bereitstellen, nicht in Spotify abonnieren. Spotifys Ignorieren des RSS-Standards ist also auch nicht im Sinne unabhängiger Podcaster*innen: Wenn mich jemand fragt, ob mein Podcast bei Spotify ist, freue ich mich über den*die neue Hörer*in — weiß aber auch, dass diese Person weniger Anreize hat, meinen Podcast zu unterstützen, als Nutzer*innen anderer Apps, denn wer weicht schon nur für ein Bisschen Bonus-Content auf eine andere App als die gewohnte aus? Man kann auch bei Spotify Bonus-Inhalte anbieten — wenn man Anchor nutzt und auf deren integrierte Funktionen dafür zurückgreift. Die sind wahrscheinlich auch gar nicht schlecht, aber hier sieht man, was dabei herauskommt, wenn ein dominanter Konzern auf das Unterstützen technologischer Standards verzichtet: Der Weg für Monopolisierung wird bereitet.

Ein weiterer Bereich, neben Podcasts und, natürlich, Email-Newsletter,8 in dem laut Mignano Standards Innovation hemmen, sind übrigens Messenger, und das finde ich dann so richtig witzig: Gibt es irgendein besseres Beispiel dafür, wie das Fehlen von Standards Nutzer*innen aller Apps das Leben schwerer machen kann? Mignano schreibt:

Just think about how much iMessage has changed over the years. In the early days, it was indistinguishable from SMS. But now, it’s extremely rich with features like read receipts, photo galleries, face filters and Memojis, an App Store, voice memos, and the list goes on. And the same can be said about Snapchat, Messenger, WhatsApp, and many other proprietary messaging platforms. The only way these platforms were able to reach this level — and pace — of innovation was by building outside of the SMS standard (though, importantly, this came at the expense of being able to interact with other systems, thus limiting the potential audience).

Und ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich würde jedes dieser Features dagegen tauschen, dass iMessage, Telegram, WhatsApp & Co. miteinander kompatibel wären — wozu es einen gemeinsamen Standard bräuchte.9

Mignano versucht sich dann an einem versöhnlichen Ende:

It’s important to remember that customers like using products based on standards because doing so offers them choice and data portability. If a standards-based product happens to break through market fragmentation, it’s important to maintain the benefits users got from the standard in the first place, otherwise you risk alienating your users and losing product market fit. The best way to do this is to ensure backwards compatibility with the standard.

Hier bringt er als Beispiel erneut Apples iMessage — und bezeichnenderweise nicht Spotify. Spotify ist eben in mancher Hinsicht nicht »backwards compatible«, zum Beispiel eben nicht mit RSS-Feeds von Podcasts, deren Urheber*innen sie nicht selbst bei Spotify eingetragen haben. Spotify bietet auch keine »data portability«: Es kann weder eine OPML-Datei mit den abonnierten Podcasts exportieren, noch eine von einer anderen App generierte importieren. Das heißt: Wer als User*in von oder zu Spotify wechseln möchte, muss von null anfangen, hat keine Möglichkeit, bisherige Abos, gespielte Folgen etc. zu übernehmen.

Die Netflixisierung von Podcasts

Wäre Mignano also wirklich etwas daran gelegen, dass Produkte, die sich trotz »market fragmentation« durchsetzen, die »benefits users got from the standard in the first place« behalten, wäre hier ein guter Punkt, um Kritik an seinem Mutterkonzern zu üben. Natürlich tut er das nicht. Denn trotz aller Beteuerungen, wie großartig er Standards finde, ist Mignanos Beweggrund für das Schreiben dieses Textes offensichtlich: Es nervt ihn, dass Spotify und Anchor nicht einfach ihre gewünschten »Innovationen« diktieren können. Aber er weiß gleichzeitig, dass der RSS-Standard für Podcasts zu gefestigt ist, als dass selbst Spotify und seine Tochterfirma sich auf einen Schlag ganz von ihm verabschieden könnten — noch: Noch muss Anchor das Generieren eines RSS-Feeds für andere Plattformen als Spotify zumindest anbieten. Noch muss Spotify wenigstens das Einreichen von RSS-Feeds durch Podcaster*innen selbst akzeptieren. Aber Spotify träumt von einer anderen Welt: einer, in der sie jeden Teilabschnitt der Podcast-Pipeline — vom Erstellen10 über das Hosten bis zum Vertrieb, der Monetarisierung und natürlich dem Konsum von Podcasts — monopolisiert haben. Und in der sie nach Belieben all die Grausamkeiten, die so ziemlich allen anderen Bereiche unseres Internet- und Medienkonsums den Spaß genommen haben — moderne, »dynamische« Formen der Werbung zum Beispiel — auch hier einführen können, unilateral, ohne von Lästigkeiten wie »demokratisch vereinbarten Standards« behindert zu werden.

Kurz: Spotify will die Netflixisierung von Podcasts. Ja, sie wollen die Definition des Wortes »Podcast« ändern: weg von einem dank leicht zugänglicher und offener Technologie vor allem von leidenschaftlichen Amateur*innen und unabhängigen Kreativen geschaffenen Medium hin zu einer Art Content, die auf einer (geschlossenen, proprietären) Plattform erscheint. Sie wollen mit einem Netflix-Modell Geld abgreifen, solange im Bereich »Audio-Streaming« was zu holen ist.11 Das Aufkaufen von Anchor ist genauso Teil der Strategie wie das Anwerben von beliebten, einst unabhängigen oder zu kleinen Netzwerken gehörenden Podcasts wie den Gimlet-Shows oder, ja, Joe Rogans Podcast, die nun exklusiver Streamingcontent für Spotify sind. Und, ja, auch Anchors zunächst kleine Schritte weg vom RSS-Standard und Mignanos muddying the waters-Texte, die RSS als irgendwie shady und Hindernis für Innovation darstellen, sind Teil dieser Strategie.

Noch ist Spotify recht weit davon entfernt, diese Welt endgültig geschaffen zu haben,12 aber absurd ist ihre Zielsetzung auch nicht: Die, ugh, Podcast-Industrie ist in den letzten paar Jahren explosionsartig gewachsen, und es gibt schon jetzt eine Generation von Podcast-Hörer*innen, die Podcasts vor allem als ein Angebot von Streaming-Plattformen kennen, für die der prototypische Podcast nicht mehr »drei Freund*innen machen zusammen Witze, erzählen Geschichten und nehmen das auf« ist, sondern »ein*e Redakteur*in einer Online-Plattform löst in überproduzierter aufwändig gestalteter Soundkulisse ein Verbrechen«. Und das ist ja auch okay, aber es ist wichtig, dass wir daneben auch unabhängiges Podcasting schützen. Wir dürfen Audio-Content im Netz nicht an große Plattformen aufgeben, wie wir es vorher, als wir unsere Blogs haben brachliegen lassen, mit dem geschriebenen Wort getan haben.

Ich wiederhole meine Frage: Was ist ein Podcast? Für den nach eigener Aussage beliebtesten Podcast-Host ist es: eine Reihe von Audio-Inhalten, die bei Spotify erscheint. Und die, ja, außerdem, noch, auf anderen Plattformen ausgespielt und über einen RSS-Feed frei im Netz verfügbar gemacht werden kann, aber nicht muss. Und vielleicht gibt es irgendwann auch nichtmal mehr die Option. Und für Spotify selbst ist es (idealerweise exklusiver) Content, der über ihre proprietäre App (und idealerweise nur so) abrufbar ist.

Was heißt das jetzt für euch? Nun, wenn ihr Podcasts hört, und zwar auch mal was anderes als True Crime oder Fest & Flauschig oder wie das gerade heißt, dann kann ich euch nur empfehlen, es wenigstens mal mit einer anderen App als Spotify zu versuchen. Viele gute — etwa Castro und mein Favorit Overcast auf iOS — sind zumindest in der Grundversion (die schon viel besser ist als Spotify) kostenlos. Ich kann mir wirklich schwer vorstellen, dass irgendjemand Spotify noch bevorzugen würde, wenn man mal was anderes probiert hat. Die exklusiven Spotify-Shows sind eh scheiße müsst ihr, wenn ihr denn müsst, natürlich weiter in dieser furchtbaren App hören, aber kommt, ihr habt drei verschiedene Video-Streaming-Services abonniert, ihr könnt euch an eine zweite App gewöhnen, in der ihr alle Podcasts außer Spotify-Exclusives hört. Und vielleicht findet ihr ja in einem unabhängigen Podcast-Verzeichnis wie Panoptikum.io oder fyyd Alternativen, die euch am Ende eh besser gefallen. Als (sehr) kleinen Anreiz: Wenn ihr nach diesem Text einen neuen Podcatcher installiert, kommentiert hier, für welchen ihr euch entschieden habt oder schickt mir nen Screenshot in den sozialen Medien oder so und ich geb euch kostenlos Zugang zum aktuellen Bonus-Feed von The Magic Circle (den ihr dann auch tatsächlich nutzen könnt)!

Und für (angehende) Podcaster*innen? Nutzt Anchor, wenn ihr meint, dass das der richtige Host für euch ist,13 und veröffentlicht euren Podcast auf Spotify, wenn ihr es sinnvoll findet (mach ich derzeit auch, aber ich weiß nicht, wie lange noch). Aber achtet darauf, dass ihr die »optionale« RSS-Funktion aktiviert und euren Podcast auch anderswo gelistet habt.

Denn: Bei meiner Antwort auf die Frage »Was ist ein Podcast?« halte ich es mit Dave Winer. Bei offenen Standards ist das ja nie so ganz genau zu bestimmen und das ist auch gut so, aber wenn irgendjemand den Namen »Erfinder von Podcasts« verdient hat, ist Winer ein guter Kandidat. In seiner eigenen Reaktion auf Mignanos »Standard Innovation Paradox« schreibt er:

Podcasts are RSS 2.0 feeds with enclosures that contain the podcast content. Anything that doesn’t use a feed to distribute the audio isn’t a podcast, and shouldn’t use that name.

Wenn eure Audio-Inhalte nicht über einen offenen, frei im Netz auffindbaren Feed verfügbar sind, dann nehmt ihr keinen Podcast auf, sondern exklusiven Audio-Content für eine Streaming-Plattform. Daran ist grundsätzlich nichts falsches — wenn Spotify, oder wer auch immer die betreffende Plattform ist, euch dafür bezahlt. Ansonsten lasst ihr euch, auch, wenn es sich vielleicht anfühlt, als würdet ihr einen (von mir aus sogar kostenlosen!) Service nutzen, schlicht und einfach ausbeuten. Ihr arbeitet dann, unbezahlt, nicht nur im Dienste eines Konzerns, sondern auch im Dienste einer fragwürdigen Definition von »Innovation«, die dafür verantwortlich ist, dass das Internet immer user-unfreundlicher wird, und die die Existenz offener Standards, und damit die unabhängiger, niederschwelliger Medien, explizit als Hindernis sieht, das es zu überwinden gilt.


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Oder hör doch mal in meinen Podcast rein!


  1. »RSS« ist eigentlich ein Oberbegriff für verschiedene Formate, aber Grundprinzip und Anwendung sind weitestgehend dasselbe.↩︎

  2. Mit Ausnahme des Internet Archives, allerdings ist deren eher dafür gedacht, Podcasts zu archivieren als aktive Podcasts zu hosten. Heißt: Man muss dann auf wichtige Funktionen wie z.B. Analytics verzichten.↩︎

  3. Apples »Podcast Connect« hat tatsächlich die Funktion »Sendung ohne RSS-Feed hinzufügen«. Das bedeutet aber, dass man seinen Podcast ausschließlich über Apples Plattform managet und er auch nur über Apple Podcasts verfügbar sein wird. Wenn man seinen Podcast bereits bei Anchor hostet, ist diese Funktion irrelevant (und benutzen sollte sie eh niemand).↩︎

  4. Nebenbei ist dieses Concern-Trolling ziemlich ironisch, wenn es von Anchor of all fucking places kommt: Vor einer nach Kritik vorgenommen Änderung der AGB nahm Anchor sich das Recht, jeden bei ihnen hochgeladen Podcast selbst zu monetarisieren und »derivative works« zu kreieren. Noch immer geht ein großer Anteil an mit dem optionalen »Anchor Sponsorships«-Programm generierten Einnahmen an Anchor.↩︎

  5. Ich kann durchaus verstehen, dass das nicht jede*r möchte — aber, ähh: Email-Adressen sind kostenlos. Wer nicht seine private Email-Adresse veröffentlichen will, legt halt kurz eine neue spezifisch für den Podcast an. Eine Möglichkeit, auf die Anchor auffälligerweise nicht hinweist.↩︎

  6. Unmöglich macht er sie aber nicht. Ich mein, Podcasts selbst wurden durch eine Weiterentwicklung des bereits vorher existierenden RSS-Standards möglich gemacht. Und auch der Podcast-Standard hat sich, anders als Mignano behauptet, durchaus weiterentwickelt in den 20 Jahren seines Bestehens. Niemand redet heute etwa mehr von »Enhanced Podcasts«, aber die Funktionen, die dieses kurzzeitig buzzige Format möglich machten, sind noch immer in vielen Podcatchern unterstützt und haben durchaus ihren praktischen Nutzen. Derzeit gibt es die »Podcasting 2.0«-Initiative, die den Standard generalüberholen will und einige gute Ideen hat — und Gründe, sie kritisch zu sehen, wie etwa die Integration von Crypto-Währungen. Man sieht daran also sowohl, dass eben doch Innovation möglich ist, als auch, warum es gut ist, dass diese nicht einfach diktiert werden, sondern nach und nach breit adaptiert werden muss und somit effektiv demokratisch bestimmt wird.↩︎

  7. Und ich besitze mehrere Geräte, auf denen Apples unbenutzbare Podcast-App vorinstalliert war!↩︎

  8. Mit obligatorischem Verweis auf Substack und deren Modell, aber da fang ich jetzt nicht wieder mit an↩︎

  9. Das ist nebenbei etwas, das viele Digitalaktivist*innen gerne per Gesetz erzwingen würden, und aus gutem Grund: Ein sogenannter »Interoperabilitätszwang« könnte helfen, Tech-Monopole aufzubrechen, und Messenger sind ein naheliegender erster Angriffspunkt. Was im Umkehrschluss wiederum etwas über die Beweggründe hinter einem Text wie dem von Mignano verraten könnte.↩︎

  10. Mit Soundtrap bietet Spotify auch seinen eigenen Audio-Editor.↩︎

  11. Wohlwissend, behaupte ich, dass dieses Modell selbst bei Netflix nur kurz funktioniert hat. Auch bei Spotify dürfte das verzweifelte Versuchen, das Modell am Leben zu halten, eine schrittweise Verschlechterung des Angebots und der User-Experience zur Folge haben.↩︎

  12. Auch, weil Apple Podcasts und sein auch für andere Apps offenes Verzeichnis weiterhin einflussreich ist. Wenn Apple das kleinere Übel ist, sagt das schon einiges, und das ist hier definitiv der Fall: Apples Podcast-App ist unbenutzbar und sie machen mit den neuen Abos auch zaghafte Schritte Richtung einer Monopolisierung; aber sie unterstützen RSS-Feeds und respektieren den Standard, und sie lassen User*innen ihre Daten importieren und exportieren.↩︎

  13. Es gibt meiner Meinung nach bessere Alternativen, die auch bezahlbar sind: Der hervorragende deutsche Hoster LetsCast etwa kostet in der Basis-Version (die lediglich die maximale Anzahl der Abrufe, nicht die Funktionen einschränkt) 5€ im Monat, für beliebig viele Podcasts und Folgen. Für einen einzelnen Podcast könnt ihr etwa den schwedischen Hoster Pod.Space nutzen, deren »Mini«-Plan kostet 1,90€ im Monat. Beim Internet Archive könnt ihr sogar gratis hosten — wie erwähnt allerdings ohne nützliche Funktionen wie Analytics.↩︎

July 26, 2022 podcasting spotify anchor internet web rss feed text

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The Magic Circle Season 2 Teaser: Was besagt die »Small Penis Rule«?

Wir steuern langsam aber sicher auf Staffel 2 unserer Audio-Gameshow The Magic Circle zu! Hier ein weiterer Teaser aus einer neuen Auflage unseres Wikipedia-Quizzes: Was besagt die »Small Penis Rule« und warum hat Michael Crichton schon einmal von ihr profiert?

Alle Folgen hier.

June 21, 2022 video teaser podcast wiki quiz trivia michael crichton magicircle season 2 magicircle comedy audio

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The Magic Circle Season 2 Teaser: Welche Popkulturfigur beschreibt meine Mutter?

Wir sind noch immer bei den Aufnahmen für Staffel 2 von The Magic Circle, ein Bisschen müsst ihr euch also noch gedulden. Ich konnte aber nicht abwarten, dieses Spiel mit euch zu teilen: Ich habe meiner Mutter Bilder von Popkulturfiguren (Cartoon-Charaktere, Videospielfiguren etc.) gezeigt & sie visuell beschreiben lassen. Meine Kandidat*innen müssen erraten, um welche Figur es geht.

Hier könnt ihr weiterhin Staffel 1 hören und den Podcast abonnieren.

May 27, 2022 the magic circle magicircle podcast teaser quiz comedy audio video

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Gefasst, aber ausweglos: Die uneindeutigen Verluste einer späten Autismus-Diagnose

Hier in der Audio-Version:


Vor kurzem bin ich in meiner ersten Improv-Show aufgetreten. Es war die abschließende »class show« meines Grundlagen-Kurses & entsprechend, technisch gesehen, schlecht. Das Publikum bestand ausschließlich aus Freund*innen & Familie, also Menschen, die verpflichtet waren, unseren Dilettantismus auch noch zu feiern. Ich bin, würde ich sagen, so mittel talentiert — gerade gut genug, dass man sich fragen muss, ob ich denke, dass ich super wäre, was, glaube ich, noch unangenehmer anzugucken ist als wenn ich so richtig mit Anlauf scheiße wäre. Ich hatte großen Spaß, & wenn es dem Publikum wider Erwarten auch gefallen hat, ist das ein schöner Bonus, aber wenn nicht, ist mir das auch egal. Ich weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal so »im Moment« gefühlt habe, so wenig nachgedacht habe. Würde meine alte Therapeutin die letzten Sätze lesen, würde sie das wahrscheinlich als Durchbruch feiern: Ich bin von Natur aus ein overthinker & mein Bedürfnis, von allen gemocht zu werden, ist pathologisch.

(Wieder) mit Improv anzufangen war etwas, das ich mir seit Jahren gewünscht aber mich nicht getraut hatte: Mein erster Anlauf vor 6 Jahren endete, weil eine akute Krise meines Selbstwertgefühls und ein neuer Job im redaktionellen Teil eines deutschen Werbe- & Medienriesen, bei dem niemand jemals arbeiten sollte (vor allem nicht, wenn man eh schon Krisen des Selbstwertgefühls hat) mich zum Aufgeben zwangen. Diesen Wunsch umzusetzen tat mehr für meine geistige Gesundheit als die letzten 6 Jahre Therapiearbeit. Nicht zufällig passiert es zeitgleich damit, dass ich endlich die Sorte kreativer Projekte angehe, die ich seit Jahren im Kopf habe, aber aus Träg- & Feigheit nicht angegangen bin.

Warum, also, macht mich all das traurig? Nicht währenddessen, nicht nur, und nicht depressiv, sondern wirklich traurig, wie wenn man um etwas trauert halt?


In seinem berührenden Essay-Band Allein konfrontiert Daniel Schreiber seine Lebenssituation als schwuler, im mittleren Alter noch immer alleinstehender Mann, und fragt sich ob ein solches Leben ein erfülltes sein kann. Gibt es ein valides, gleichwertiges Lebensmodell jenseits der Paarbeziehungen, die die meisten seiner Freunde eingehen?

Ein Konzept, das Schreiber heranzieht, um die diffuse Traurigkeit zu verstehen, die er angesichts der Einsicht empfindet, dass das Modell der Paarbeziehung, des »Sich-Niederlassens« vielleicht nie seine Lebensrealität sein wird, ist die Idee von »ambiguous losses«, uneindeutigen Verlusten, entwickelt von der Psychotherapeutin Pauline Boss:

Uneindeutige Verluste zeichnen sich durch einen Mangel an Informationen, durch ein Paradox von Anwesenheit und Abwesenheit, ein »sowohl als auch« aus, durch eine Ambivalenz, die dafür sorgt, dass der Trauerprozess ins Stocken gerät oder gänzlich ausbleibt. Wege zu finden, mit der neuen Situation zurechtzukommen, grundlegende Entscheidungen für ein neues Leben zu treffen, weiterzumachen und neu anzufangen — all das wird durch diese Ambivalenz erschwert. Pauline Boss zufolge geht mit uneindeutigen Verlusten eine eigene Form der Traumatisierung einher.

Als Beispiele für uneindeutige Verluste nennt Boss etwa Angehörige, die an Demenz leiden, also physisch anwesend, aber nicht mehr ganz sie selbst seien, aber auch, sicher in anderer Intensität, Ghosting; in ihrem neusten Buch zum Thema, The Myth of Closure: Ambiguous Loss in a Time of Pandemic and Change, bezieht Boss das Konzept außerdem auf die Pandemie: auf das Leben, das wir in dieser Zeit nicht so leben konnten, wie wir es wollten, die Erfahrungen, die wir nicht gemacht haben.

Schreiber wendet das Konzept noch etwas ganzheitlicher an:

In mancher Hinsicht lässt sich, wenn man allein lebt, das ganze Leben als ein »uneindeutiger Verlust« im Sinne von Pauline Boss beschreiben. Man trauert um einen Partner, den man nicht mehr oder noch nicht hat. Man schwankt zwischen Zuversicht, Traurigkeit und Verdrängung und versucht sich als Notlösung von der Idee der Zweisamkeit zu verabschieden. Man legt sein Leben immer mal wieder auf Eis, weil man nicht mehr weiterweiß, weil man den nächsten Schritt nicht gehen möchte, der das Alleinsein weiter zementieren würde.


Vor etwa 4 Jahren, mit 28, erhielt ich, nach einem langen Recherche- & Diagnoseprozess, meine offizielle Autismus-Diagnose. In erster Linie war das erfreulich: Es war ein bis dahin fehlendes, entscheidendes Puzzleteil1 meiner Identität. Es nahm eine Menge Druck von mir, eine Menge Schuld: Mein Leben muss nicht so verlaufen, wie die »Norm« diktiert, wenn die Art, wie ich denke, fühle & mit der Welt interagiere so entscheidend von der »Norm«, vom Neurotypischen abweicht. In den knapp 4 Jahren seitdem habe ich mit der autistischen Community auf Twitter interagiert, Erfahrungen & Theorie anderer autistischer Menschen gelesen, und so ein Zugehörigkeitsgefühl entwickelt, das ich so noch nicht kannte, auch eine Art von Selbstwertgefühl. Manches, Improv darunter, was ich seitdem ausprobiert oder wieder aufgenommen habe, hätte ich mich vorher wohl nicht getraut, oder, aufgrund dieser verinnerlichten Idee, was »normal« ist, gedacht, dass es dafür »zu spät« wäre.

Aber dann ist da halt auch noch eine diffuse Traurigkeit, eine Wut auch, die ich seit meiner Diagnose fühle.


Die Theorie von Neurodivergenz, die Art, wie autistische Menschen selbst ihre Identität begreifen, steht in der Tradition der Queertheorie. Man kann sich mit einiger Berechtigung fragen, ob »queer« sein & »neurodivergent« sein wirklich zwei unterschiedliche Phänomene sind, oder ob eher etwa eines eine Unterkategorie des anderen ist. Als heterosexueller cis Mann bin ich sicher niemand, dessen Stimme in dieser Frage besonderes Gehör verdient, aber alles, was Solidarität zwischen marginalisierten Gruppen fördern könnte, finde ich erstmal gut, und es ist mir schon oft aufgefallen, wie sehr ich mich — emotional, wenn nicht in den konkreten Erfahrungen — in Schilderungen queerer Menschen wiederfinde.2 Queere & neurodivergente Menschen sehen sich teils mit sehr ähnlichen Mustern der Diskriminierung konfrontiert: Beide Gruppen kämpfen gegen die Pathologisierung von etwas, das sie als essenziellen & positiven Teil ihrer Identität sehen.3

Entsprechend ist es wohl kein Wunder, dass ich mich auch mit Teilen von Schreibers Essay identifizieren konnte. So schreibt Schreiber:

Lange hatte ich keinen Mangel an Fantasien über Intimität und Liebe verspürt, sondern eher das Gegenteil, einen Überschuss. Doch die Anhäufung jener uneindeutigen Verluste, jener Lebenskonzepte, von denen ich mich verabschieden musste, schien dafür zu sorgen, dass mir die Kraft ausging, diese so notwendigen Fantasien aufrechtzuerhalten. Anstatt weiter mit ihnen zu leben, ließ ich lieber von ihnen ab.

Das naheliegende »Hoffnungslosigkeit« sei allerdings nicht das richtige Wort für dieses Gefühl:

Irgendwie fühlte es sich gefasster und zugleich auswegloser an. In seinem Buch Wie zusammen leben führt Roland Barthes in diesem Zusammenhang den Begriff der Akedia ein, einen Begriff, der ein größeres Echo in mir fand. Mit der ursprünglich aus dem frühen Christentum stammenden Idee meint Barthes eine »Beklommenheit«, eine »Bitterkeit«, eine »Trockenheit des Herzens«. Akedia beschreibt für ihn nicht den Verlust des Glaubens an die Liebe, sondern den Verlust des Interesses daran.

Unter queeren Menschen, glaubt Schreiber, sei dieses Gefühl besonders verbreitet:

Für viele von uns scheint eingetreten zu sein, wovor wir als Jugendliche, häufig sogar in bester Absicht, gewarnt worden waren: dass unsere Andersartigkeit für ein Leben sorgen würde, das wir allein, ohne Liebe, verbringen werden.

Ich glaube, auch viele autistische Menschen kennen eine Version dieses Gefühls, vor allem diejenigen von uns, die erst spät im Leben ihre autistische Identität entdeckt haben. Nicht unbedingt, oder nicht nur, in Bezug auf romantische Beziehungen, sondern auf all die Marker — beruflicher Erfolg, sozialer Status etc. — die, in der verbreiteten Erzählung, ein »normales«, erfülltes Leben anzeigen. Auch für viele von uns scheinen ein Stück weit die »Strafen« für unser Anderssein eingetreten zu sein, die man uns angedroht hat.

»Gefasst, aber ausweglos« trifft jedenfalls ziemlich genau, wie ich empfinde angesichts der Beobachtung, dass mein Leben bislang nicht so verlaufen ist, ich nicht da bin, wo ich nach der neurotypischen Erzählung sein »sollte«: Meine Diagnose bedeutet für mich, dass die Dinge, in denen ich von der »Norm« abweiche, nicht »falsch« sind, nicht pathologisch, krankhaft, dass ich sie nicht ändern muss; aber auch, dass ich diese Dinge nicht ändern kann, weil sie ein fundamentaler Teil meiner Neurologie sind, und dass deshalb, in einer Welt, die Anderssein bestraft, vieles, was ich mir wünsche, unerreichbar für mich bleiben könnte. Das späte Finden meiner Identität wird begleitet von dem Bewusstwerden einiger uneindeutiger Verluste — das Leben, was nicht sein kann, & das, was vielleicht hätte sein können, wäre ich nicht 28 Jahre meines Lebens im Unklaren gewesen: Hätten etwa die Freund*innen, die mich immer auf eine gewisse Distanz hielten, mich anscheinend nur in kleinen Dosen ertragen haben, mehr Verständnis gehabt, hätten sie gewusst, dass ich autistisch bin? Umgekehrt, hätte ich nicht fast 3 Dekaden lang gelernt, zu »maskieren«, neurotypisches Verhalten zu imitieren, würden die Menschen, die jetzt in meinem Leben sind, mich überhaupt mögen? Mit »Masking« kann man nicht einfach aufhören, wenn man über Jahrzehnte verinnerlicht hat, dass es nötig ist, um in einer neurotypisch dominierten Welt einigermaßen akzeptiert zu werden. Eine Version von mir, die nicht immer ein Bisschen auch eine Performance ist, werde ich nie kennenlernen. Wäre diese Version freier, selbstbewusster? Hätte ich früher mit den Dingen angefangen, die ich immer tun wollte? Wäre ich weiter in meiner persönlichen Entwicklung, meiner kreativen Verwirklichung? Wäre ich erfolgreicher, liebenswerter, glücklicher?


Der Schlüssel zu einem gesunden Umgang mit uneindeutigen Verlusten ist laut Boss, sich von dem Gedanken zu verabschieden, man könne »darüber hinwegkommen«. Stattdessen müsse man lernen, mit der Ungewissheit zu leben, Ambiguität auszuhalten, »sowohl als auch« zu denken; die Trauer über den Verlust mit sich zu tragen, und sich trotzdem vorwärts zu bewegen. Das ist, nun, leichter gesagt als getan.

Denke ich an die uneindeutigen Verluste des Lebens, das ich hätte haben können, und versuche ich mir dann vorzustellen, wie mein weiteres Leben aussehen könnte, gelange ich schnell an eine Blockade: Wie Schreiber es in Allein beschreibt, scheinen mir selbst Fantasien von einem anderen Leben nicht mehr zugänglich. Die Freude & Erleichterung darüber, endlich diesen zentralen Teil meiner Identität zu kennen, wird begleitet von Traurigkeit & Wut darüber, dass es solange gedauert hat, und dass ich für mein Anderssein so oft bestraft wurde. Gefasst, aber ausweglos: Von Moment zu Moment fühle ich mich so gefestigt wie nie, aber jeder Gedanke über den Moment hinaus, zurück an das, was (nicht) war oder nach vorn an das, was (nicht) sein kann, gibt mir das Gefühl, festzustecken. Ich kann nur versuchen, so gut es geht, so sehr das meiner Natur widerspricht, im Moment zu bleiben, nicht zu planen & nicht zurückzuschauen; zu improvisieren.


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  1. Diese Metapher bitte nicht als geistige Nähe meinerseits zu Autism Speaks oder den problematischeren Aspekten der Bedeutung des Puzzles als Symbol für Autismus interpretieren.↩︎

  2. Natürlich gibt es auch Unterschiede in den Erfahrungen — nur, weil ich autistisch bin, heißt das nicht, dass ich verstehe, was es bedeutet, queer zu sein.↩︎

  3. Es ist kein Zufall, dass etwa J.K. Rowlings berüchtigter Essay, in dem sie sich als Transfeindin bekannte, auch eine Passage enthielt, die autistischen Menschen die Deutungshoheit über die eigene Identität absprach.↩︎

April 28, 2022 autismus neurodivergenz neurodiversität daniel schreiber pauline boss diagnose buch audio text

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Löscht nicht euren Twitter-Account, startet ein Blog

Zwei Reaktionen dominierten meine Twitter-Timeline im Vorfeld der Übernahme durch Elon Musk: ostentatives Aufatmen (»Hoffentlich kauft Musk Twitter, dann haben wir einen Grund, es zu verlassen, und sind endlich frei«) und Verteidigen des eigenen Territoriums (»Wenn Musk kommt, gehe ich!«). Das fasst das Verhältnis zu Twitter, das viele von uns haben, glaube ich ganz gut zusammen: Twitter ist scheiße, finden wir, aber es ist unsere Scheiße, verdammt nochmal, Finger weg!

Jetzt, wo es — zu meiner Überraschung, muss ich gestehen — tatsächlich zu dieser Übernahme kommt, gibt es von beidem noch immer ein Bisschen, aber nach und nach kommen die meisten doch irgendwie zu dem unvermeidlichen Schluss: It just doesn’t matter. Also, tut es schon, irgendwie: Es ist halt ein weiterer, sehr deutlicher Hinweis, dass die Welt, in der wir leben, jetzt vielleicht noch nicht die bestmögliche ist — wenn es möglich ist, dass ein milliardenschwerer Trickbetrüger aus einer Laune heraus eine Plattform kaufen kann, die man aufgrund ihrer Größe und Rolle in unserer Online-Kommunikation im Grunde als kritische Infrastruktur bezeichnen muss, vielleicht sollten wir dann mal drüber nachdenken, ob wir nicht doch ein, zwei Dinge ändern könnten daran, wie diese Gesellschaft organisiert ist.

Aber für unsere tägliche Nutzungserfahrung auf der Website Twitter dot com wird das keinen großen Unterschied machen. Es wird nicht lange dauern, bis Musk merkt, dass eine solche Plattform zu führen a) Arbeit und b) kompliziert ist, dass möglichst oft »Freedom of speech!« zu brüllen noch nicht als kompetentes Management durchgeht, und dann wird er das Tagesgeschäft wieder jemand anderem überlassen und wir merken wenig von Musks Einfluss. Glaube ich. Hoffe ich.1

Trotzdem ist Musks Takeover für viele von uns Grund, unser Verhältnis zu Social Media und den Plattformen, die wir nutzen, zu überdenken, und das finde ich erstmal nichts schlechtes. Wovon ich nicht unbedingt viel halte, ist im Affekt seinen Twitter-Account zu löschen: a) werden die meisten von uns ja doch zurückkommen, wenn wir merken, dass auf Mastodon trotz einiger Gleichgesinnter, die mit uns gewechselt sind, nicht viel los ist, und b) ist das mit der demonstrativen Verweigerung, Produkt X oder Service Y zu nutzen, ja immer so ne Sache, wirklich verändern tut das nichts. Dennoch: Mich stört das schon, diese Elon-Musk-Sache, und ist ja nicht so, als hätte ich mich vorher auf Twitter so 100% wohlgefühlt, also habe ich mal überlegt, wie man diese Protest-Energie, die jetzt irgendwie da ist, halbwegs produktiv nutzen könnte, ohne deshalb gleich darauf verzichten zu müssen, Teil der Konversation zu sein, die nunmal immer noch auf Twitter stattfindet. Im Ergebnis habe ich meinen Nutzen von sozialen Medien ein Bisschen umstrukturiert — keine Ahnung, ob ich das so beibehalten werde, und wenn ihr mir auf Twitter folgt, aber nicht unbedingt Interesse an solchen Meta-Überlegungen habt, könnt ihr hier aufhören zu lesen, es ändert sich effektiv nichts für euch; aber vielleicht inspiriert es ja den einen oder anderen, oder es wird wenigstens lustig, sich das in nem Jahr durchzulesen und zu sehen, wie naiv ich war.

Das Stichwort lautet POSSE: Publish (on your) Own Site, Syndicate Elsewhere. Ich hab ja eh schon dieses Blog und die Domain dazu und vieles, was andere eher in einen Twitter-Thread packen würden, erscheint bei mir hier, und ich kann euch diese altmodische Art, im Internet zu publizieren, nur empfehlen: Nur so macht ihr euch wirklich unabhängig. Anstatt regelmäßig zu überlegen, was die am besten geeignete Plattform ist (oder welche am wehnigsten wehtut), um im Internet zu kommunizieren und zu publizieren, anstatt immer wieder aufs Neue Energie und Zeit in das Einrichten eines Profils bei der Plattform des Moments investieren zu müssen, richtet ihr euch euer eigenes kleines, permanentes Zuhause im Netz ein, und nutzt die großen Plattformen vor allem, um Leute dorthin zu leiten. Wenn irgendwas passiert, das euch unzufrieden(er) mit einer Plattform macht, tut euch das nicht weiter weh: Für euch war diese Plattform immer nur Mittel zum Zweck, immer nur Zweitverwerter, richtig einrichten wolltet ihr euch hier nie und alles, was euch wirklich wichtig ist, erscheint an einem sicheren Ort, über den ihr allein die Kontrolle habt.

Zukünftig soll diese Website auch noch mehr mein Social-Media-Zuhause sein: Viel von dem Bullshit, den ich bisher nur auf Twitter raushaue, poste ich jetzt erstmal hier. Das läuft via micro.blog, was auch irgendwie Social Media ist, aber nicht wirklich: Im Grunde sind es ein paar Blogs in einem Trenchcoat, die sich als Social Media ausgeben, statt ein Profil legt man halt ein Blog an, auf dem man seine Inhalte postet, und die werden dann in eine twitterähnliche Timeline aggregiert. Man könnte ähnliches auch mit WordPress machen, oder mit Blot, der Software, über die mein Blog läuft, aber micro.blog verbindet halt elegant die Bequemlichkeit moderner sozialer Medien mit den Prinzipien von Blogging, das ging einfach schnell, das so einzurichten, plus, ich mag das halt auch als Plattform für sich, mein Blog publiziert schon eine Weile lang automatisch alles auch dort. Man behält dort die Kontrolle über seine Inhalte, und es ist in alle Richtungen offen — nicht nur konnte ich da eben den existierenden RSS-Feed meines Blogs eintragen, damit auch meine Posts hier in der Timeline erscheinen, es geht auch in die andere Richtung: Meine Posts dort werden »syndiziert« an Twitter, auf meinen regulären Account, und an Mastodon, damit ihr Weirdos, die das nutzen wollen, mir auch folgen könnt (entweder meinem »echten« Mastodon-Account auf linke.social, oder direkt meinem micro.blog-Account über das etwas unhandliche Mastodon-Handle @smoitzheim@micro.sebastianmoitzheim.de; letzteres ist mir lieber, dann sehe ich eure Replies direkt in meiner micro.blog-Timeline und muss nicht Mastodon öffnen).

Um noch ein Bisschen deutlicher zu unterstreichen, dass Twitter zwar ist, wo die Konversation ist, an der ich teilnehmen will, aber nicht mein Social-Media-»Zuhause«, habe ich außerdem meine TweetDelete-Settings nochmal angepasst, statt nach 6 werden meine Tweets jetzt nach 3 Monaten automatisch gelöscht. Twitter hat meine Inhalte also, wenn man so will, nur für eine Weile lizensiert anstatt dass ich sie dauerhaft dort publiziere; wer, warum auch immer, ein Archiv meiner Posts ansehen will, ist hier, eben im Ökosystem meiner persönlichen Website, am besten aufgehoben. Oder, I guess, bei Mastodon, zumindest bis ich herausgefunden hab, wie man da auch so eine automatische Löschung einstellen kann.

Ändert das irgendwas? Nö, nicht wirklich, weder im Sinne von »es macht einen Unterschied für Twitter und seinen ekligen neuen Besitzer« noch im Sinne von »es ändert groß die Erfahrung meiner Follower*innen«. Es macht mich halt nur ein Bisschen unabhängiger von Twitter, ich könnte jetzt theoretisch meinen Twitter-Account löschen, ohne irgendwelche Inhalte zu verlieren, was ich nicht machen werde, aber ist doch schön zu wissen, oder?

Ich finde das auf jeden Fall sinnvoller, als unter Protest seinen Twitter-Account zu löschen oder sich allzu sehr auf Mastodon oder irgendeine andere Plattform einzuschießen, die am Ende ja doch nicht der Twitter-Killer wird. Wenn ihr auch überschüssige Protestenergie habt, aber jetzt auch nicht ausreichend davon, um euch ein neues Social-Media-Zuhause einzurichten, euch mit irgendwelchen IndieWeb-Prinzipien auseinanderzusetzen oder irgendwelche mehr oder weniger vielversprechenden neuen Plattformen anzugucken, lasst mich euch als kleinen, einfachen Schritt empfehlen: Reserviert euch, wenn noch nicht geschehen, zumindest schonmal eine eigene Domain. Ihr könnt euch dort ein Blog anlegen2, oder eine simple Profilseite, von mir aus auch einfach euer Linktree oder ähnliches verknüpfen; oder ihr macht erstmal gar nichts damit, aber seid dann beim nächsten Mal, wenn euch eine feindliche Übernahme oder ähnliches veranlasst, über eure Beziehung zu Social Media nachzudenken, schonmal einen Schritt weiter. .de-Domains sind ziemlich günstig, ich zahl gerade glaub ich mit ein Bisschen Webspace so 20€ im Jahr. In der Theorie würden wir, denke ich, alle gerne unsere Abhängigkeit von den Content-Silos überwinden; meines Erachtens sollte das Ziel aber nicht sein, dass wir alle dieselbe neue, bessere Plattform nutzen: Das Internet, was ich mir wünsche, ist eines, in dem wir alle unsere eigene kleine Plattform haben, i.e. eine persönliche Website, und diese dann miteinander vernetzen, und die großen Plattformen nur noch als Vermittler und Mittel zum Zweck betrachten, nicht als unser eigentliches Zuhause.3 Der Weg dahin ist lang, aber das gute ist halt, dass jede*r einzelne von uns sich heute schon auf diese Art einrichten kann, ohne darauf verzichten zu müssen, an der Konversation auf den großen Plattformen teilzunehmen.


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  1. Es gibt durchaus Gründe, sich Sorgen zu machen, etwa darüber, was Musks Interpretation von »free speech« für die Trans-Community bedeutet.↩︎

  2. Hier sind ein paar Tipps, welche Software ihr dafür nutzen könnt.↩︎

  3. Dieser Gedanke ist mit dem des »Fediverse«, zu dem Mastodon gehört, ja durchaus kompatibel. Das schöne an sowohl Mastodon als auch micro.blog und diversen anderen kleinen Plattformen ist ja vor allem, dass sie keine Silos sein wollen, sondern es unterstützen, wenn jede*r die Plattform seiner*ihrer Wünsche nutzt. Die Plattform eurer Wünsche sollte meiner Meinung nach halt zu allererst euer eigenes Blog sein, und das könnt ihr dann genauso wie in die Content-Silos auch ins Fediverse »syndizieren«.↩︎

April 27, 2022 blogs twitter social media plattformen internet elon musk text

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